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„Bloody Daughter“ auf Arte : Siebzehn Küsse auf den linken Fuß, das hilft

Maman liebt es, nicht definiert zu werden: Martha Argerich ist unbestritten eine der großartigsten Pianistinnen der Welt, aber sie entzieht sich ihr gern. Bild: Arte

In „Bloody Daughter“ zeichnet die Filmemacherin Stéphanie Argerich ein intimes Porträt ihrer berühmten Mutter, der Pianistin Martha Argerich. Das Ergebnis ist eine luzide Hommage an die weltentrückte Künstlerin.

          Noch nie zuvor ließ sie eine Kamera so dicht an sich heran. Die unvergleichliche Martha Argerich, große Pianistin, gefeierte Göttin, wie sie sich morgens im Hotelbett aus den Kissen wühlt. Wie sie rastlos vor dem Auftritt hinter der Bühne herumtigert und ihren Manager verrückt quatscht. Wie sie sich und das Orchester unterbricht, auf der Probe, um eine Stelle immer wieder auszuprobieren. Wie sie Sushi isst, im Zug, mit den Fingern, aus einer Plastiktüte. Wie sie Karaoke tanzt im Wohnzimmer, nach Art des Rabbi Jacob.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Bekanntlich ist die Argerich scheuer als ein Reh. Schon seit vielen Jahren gibt sie keine Interviews mehr. Was sie zu sagen hat, sagt sie durch Musik. Freilich läuft sie auch nicht davon, wenn ihr zufällig mal ein Journalist begegnet. Sie hat sich nur angewöhnt, das, was sie ist und was sie denkt, vor der Welt konsequent zu verbergen, hinter diesem besonderen fluchtartigen Argerich-Lächeln oder hinter der herrlichen, mittlerweile graumelierten Indianerinnenhaarflut, die sie auch beim Klavierspiel immer wieder vor fremden Blicken schützt. Sogar Solo-Recitals sind bei Martha Argerich seit den Achtzigern zu einer Seltenheit geworden. Muss sie sich öffentlich zeigen, wie es im Konzertpianistenberuf nun mal unvermeidlich ist, panzert sie sich mit vertrauten Musikerfreunden, spielt vierhändig oder gibt Kammermusik- und Orchesterkonzerte. Einmal aber, eines schönen Tages vor vielen Jahren, als sie von einer Japan-Tournee zurückkehrte, hatte sie ihrer jüngsten Tochter Stéphanie eine Videokamera mitgebracht. Das hat sie nun davon!

          Im Himmel Chopins

          Stéphanie Argerich wuchs heran und wurde eine preisgekrönte Filmemacherin. Gleich ihr erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge gewann den Prix Italia sowie die Goldene Auszeichnung beim französischen Fipa-Festival; auch in Deutschland wurde er für die Bestenliste nominiert. Er heißt „Bloody Daughter“, sein Thema: Martha Argerich.

          Welcher Nagellack passt zu mir? Martha Argerich (Zweite von links) mit ihren Töchtern: Stéphanie Argerich, Annie Dutoit und Lyda Chen (von links nach rechts).

          An sich wollte Stéphanie Argerich nur auf autobiographische Spurensuche gehen, um herausfinden, woher sie stammt. Doch es ist ein seltsam welthaltiger und wunderbarer Film daraus geworden, der viele verschiedene Geschichten erzählt. Die von einem entwurzelten Wunderkind, Spross jüdischer Emigranten, das in Zwischenwelten lebt. Immer auf Reisen, dreimal verheiratet, Millionen Verehrer, tausend Freunde, allein am glücklichsten, aber unglücklich zugleich. Die Geschichte von Töchtern, die ohne Väter aufwachsen und die Mutter bemuttern. Die Hölle des Lampenfiebers, der Himmel Chopins. Ein Dokumentarmusikfilm. Ein Vierfrauenfilm. Ein Patchwork-Familienfilm. Erbarmungslos offen, schmerzhaft, zugleich intim und unendlich liebevoll, voll überraschender Bilder und voll mit wärmenden kleinen Wahrheiten.

          Jede gute Geschichte beginnt mit einer Geburt

          Stéphanie Argerich, die den Vornamen von ihrem Vater, dem Pianisten Stephen Kovacevich hat, und deren Nachname von den Eltern einst durch das Werfen einer Münze bestimmt wurde, befragt das Familienarchiv und die eigenen Erinnerungen. Sie interviewt ihre beiden Stiefschwestern, Annie Dutoit, Tochter des Dirigenten Charles Dutoit, und Lyda Chen, Tochter des Komponisten Robert Chen. Sie befragt ihren Vater, vor allem aber die Mutter selbst. Folgt der Argerich mit der Kamera, verfolgt sie, dringt in sie, filmt sie auf ihren Reisen, auf Proben, im Zug, im Taxi, bis ins Privateste stößt sie vor. Manchmal wehrt sich Martha Argerich. Auf unbequeme Fragen, etwa auf die, warum sie sich ihr erstes Kind, Lyda, wegnehmen und bei Pflegeeltern aufwachsen ließ, antwortet sie gar nicht, oder sie dreht sich weg, lächelt ihr scheues Lächeln, ruft: „Ach, es ist so schwierig, du mit deiner Kamera“ und flieht. Und Stéphanie Argerich lässt nicht locker. Sie lauert, wie ein geübter Paparazzo, schon an der nächsten Ecke, um dieselbe Frage noch einmal zu stellen.

          Ganz in ihrem Element: Alleine am Klavier, so wie hier bei Proben, sieht man die Pianistin immer seltener.

          Den Kommentar zu alledem spricht sie selbst, in Ich-Form. Und beginnt ihre Geschichte, wie jede wirklich gute Geschichte beginnt, mit einer Geburt. Ein Knabe kommt zur Welt. Großmutter Martha, mal wieder etwas zu spät dran, taucht in der Tür zum Kreißsaal auf, fragt: „Was? Es ist schon da? Was ist es?“ Und lacht und freut sich und küsst den kleinen Jungen und ihre Tochter, der sie doch kurz zuvor noch erklärt hatte: „Mädchen sind sowieso interessanter.“

          Das Selbstbildnis ist ein anderes

          Die Geschichte endet fürs Erste unter Obstbäumen, im Sommer. Argerich und ihre drei Töchter sitzen im Gras und lackieren Fußnägel. Sie diskutieren die Farben. Blau oder Orange oder Rot für den großen Zeh? Grün für die anderen? Überhaupt spielen Füße eine große Rollen in diesem Familienfilm. Argerich läuft am liebsten barfuß herum. Als Stéphanie klein war und mit Annie und der Mutter in deren legendären Musikerwohngemeinschaft in Genf nachts unter dem Flügel einschlief, da kannte sie von der Mutter die Füße mit am besten. Musste Argerich auf Konzertreise gehen und ihre Kinder in der Obhut der Ersatzfamilie aus Au-pairs und Jungpianisten lassen, küsste sie ihre Jüngste siebzehnmal auf den linken Fuß, ein Ritual, das Glück bringen sollte. Dann sprechen die vier Frauen über das Altwerden. Das uralte Rosenkavalier-Thema von der Zeit, die ihnen allen durch die Schläfen rieselt. Ob es schlimm sei, siebzig zu werden? „Ja, es ist bizarr“, sagt Martha Argerich.

          Es ist dies überhaupt eines ihrer Lieblingsworte, vielleicht, weil es auf so viele Situationen in ihrem Leben passt. Beängstigend sei es, wenn die äußere physische Erscheinung nichts mehr zu tun habe mit dem Bild, das man von sich selbst habe. Ihr eignes Selbstbildnis stamme aus einer anderen Epoche. „Jünger?“ Fragt die eine Tochter. „Maman liebt es, nicht definiert zu werden“, sagt die andere. Da lachen sie alle zusammen und laufen davon.

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