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Bloggerin Hingst : Gewicht der Geschichte

Marie Sophie Hingst, als sie für ihren Blog „Read on my dear“ als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Mit im Bild: Award-Mitgründer Daniel Fiene Bild: obs

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst starb, nachdem der „Spiegel“ über ihre erfundene Familiengeschichte berichtete. Nun werden Fragen laut, ob das Magazin gut daran tat.

          Die Bloggerin und Historikerin Marie Sophie Hingst ist, wie die „Irish Times“ am Samstag berichtete, am 17. Juli im Alter von 31 Jahren gestorben. Die Polizei habe Hingst tot in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden; ein Fremdeinwirken werde ausgeschlossen. Bekannt geworden war sie in den vergangenen Jahren durch ihren Blog „Read On My Dear, Read On“. In diesem schrieb sie über ihre angeblich jüdische Verwandtschaft, die zum Großteil im Holocaust ums Leben gekommen sei, und erzählte, sie habe eine Slum-Klinik in Neu-Delhi gegründet. Außerdem gab sie an, männlichen Flüchtlingen in Deutschland Sexualkundeunterricht zu geben.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit ihren Schilderungen fand sie Gehör bei Journalisten. Nach einem Gastbeitrag bei „Zeit Online“ (unter dem Pseudonym Marie Roznblatt) trat sie in Hörfunksendern der ARD auf. Ein Interview mit ihr, in dem sie namentlich nicht genannt wurde, erschien in der „F.A.Z. Woche“. 2017 wurde ihr der Preis der „Bloggerin des Jahres“ verliehen, im Jahr darauf wurde sie von der „Financial Times“ als Gewinnerin eines Essay-Wettbewerbs ausgezeichnet.

          Auf ihrem Blog habe sie Literatur betrieben

          Am 1. Juni dieses Jahres jedoch deckte der Journalist Martin Doerry in einem minutiös recherchierten Artikel im „Spiegel“ auf, dass Marie Sophie Hingst erfundene Geschichten verbreitet hatte. Die Historikerin Gabriele Bergner hatte sich mit Zweifeln an das Magazin gewendet. Archivare der Stadt Stralsund waren den Angaben, die Hingst zu ihren vermeintlich ermordeten jüdischen Angehörigen gemacht hatte, nachgegangen und hatten herausgefunden, dass diese gegenstandslos waren. Marie Sophie Hingst entstammte einer protestantischen Familie, nicht einer jüdischen. Gleichwohl hatte sie eine gefälschte Opferliste mit zweiundzwanzig Namen bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eingereicht.

          Nach der Veröffentlichung im „Spiegel“ wurde die Skepsis gegenüber Hingsts Geschichten auch jenseits der erfundenen jüdischen Verwandtschaft immer größer. Es zeigte sich etwa, dass ihre Mutter sich nicht, wie von Hingst berichtet, das Leben genommen hatte. Was ihren Blog betraf, zog sich Hingst auf den Standpunkt zurück, sie habe dort „Literatur“ betrieben, nicht Journalismus oder Geschichtsschreibung. Mit Fragen über ihre angebliche Sexualberatung konfrontiert, gab sie im Kontakt zu dieser Zeitung an, alles entspreche der Wahrheit, und gab keine Antworten auf detaillierte Fragen. Die Zweifel an ihrer Darstellung waren aber zu groß. Die betroffenen Medien nahmen die entsprechenden Texte offline und erklärten ihr Bedauern, dass es offensichtlich zu Fälschungen kommen konnte.

          Die Irish Times verzichtete auf die Geschichte

          Der Reporter Derek Scally von der „Irish Times“, der mit seinem von Empathie getragenen Artikel den Tod von Marie Sophie Hingst publik gemacht hat, schreibt indes, dass er sie vor einigen Wochen in Berlin getroffen habe, nachdem der „Spiegel“ seine Recherche veröffentlicht hatte. Anders als dieser habe er sich entschlossen, nicht zu schreiben, weil er den Eindruck gewonnen habe, einer psychisch gestörten, gefährdeten Person begegnet zu sein. Auch Scally gegenüber rückte Hingst von ihrer als falsch erwiesenen Geschichte nicht ab, zeigte dem Reporter einen angeblich aus Familienbesitz stammenden Judenstern und beklagte, sie sei Opfer der Medien und werde „lebendig gehäutet“.

          Im Internet wird die Frage aufgeworfen, ob der „Spiegel“ richtig daran tat, die Täuschung aufzudecken. Das Magazin habe sich nach der Causa Relotius mit einem Fälscher im eigenen Haus als Recherchebastion präsentieren wollen und nicht abgewogen, welche Dimensionen der Fall Hingst habe, lautet die Kritik. Wie Claas Relotius bediente Marie Sophie Hingst bestimmte Erwartungshaltungen von Journalisten, Hörern und Lesern. Durch ihr öffentliches Auftreten machte sie sich zu einer Person der Zeitgeschichte, deren Angaben nach Überprüfung drängten. Ihr Tod bleibt eine menschliche Tragödie.

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