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Blogger gegen Putin : Gauner, Mörder und Diebe

  • -Aktualisiert am

Einen Rückzug in den Westen lehnt er ab: Alexej Nawalnyj glaubt, dass das Gute über das Böse siegen kann Bild: Alexej Nawalny/dpa

Partisanenführer im Datendickicht: Der Rechtsanwalt und Blogger Alexej Nawalnyj fordert unerschrocken das System Putin heraus. Ein jetzt eröffnetes Strafverfahren könnte ihn auch außerhalb des Netzes bekannt machen.

          Russland gleicht heute einem armen Mütterchen, das von bösen, starken Jungs auf brutale Weise ausgeraubt wird. So sieht es Alexej Nawalnyj, der Moskauer Rechtsanwalt und Blogger, der im Internet eine Front gegen die immer frechere Korruption und ihre Verschleierung eröffnet hat. Nawalnyj, der die Unterschlagungstricks der Politelite mit voluminösen Dokumentendateien vorführt und in griffigen Ausdrücken anprangert, konnte dadurch im Netz die Herrschaft der Ironie und des Zynismus brechen, die das System stabilisierte. Wenn er durch seine Alarmrufe der bedrängten russischen Babuschka beistehe, so tue er doch nur das, findet Nawalnyj, was eigentlich jeder tun müsste. Dass zum Dank die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet hat, könnte ihn auch außerhalb des Netzes zum Volkshelden machen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nawalnyj, der mit seiner sportlichen Figur und dem blonden Bürstenhaarschnitt wie ein smarter Fußballstar wirkt, soll professionell mit Aktien gehandelt haben, bevor er sich in Putins zweiter präsidialer Amtsperiode als Investmentaktivist versuchte. Er wurde Minderheitsaktionär bei staatlich kontrollierten Wirtschaftsgiganten wie Rosneft, Transneft, Gaspromneft, der VT-Bank, um dann Einblick in deren Bilanzen zu verlangen. Das scheiterte an der Intransparenz des Rechtssystems.

          Immerhin wurde, nachdem der unermüdliche Spurenausgräber nachwies, dass die VT-Bank aus China Gasbohrgeräte zum doppelten Marktpreis eingekauft hatte, ein VT-Bankmanager entlassen. Seine bisher größte Operation gelang Nawalnyj gegen den staatlichen Öltransporteur Transneft, dessen Managern er nachgewiesen haben will, dass beim Bau der Ostsibirisch-Pazifischen Ölpipeline vier Milliarden Dollar verschwunden sind. Unter der Schlagzeile „Wie bei Transneft gesägt wird“ – der Ausdruck Sägen bezeichnet auf Russisch das Abzweigen von Haushaltsmitteln – wertet Nawalnyj gewaltige Aktenmengen aus und macht sie für jedermann zugänglich.

          Spenden für den Korruptionsjäger

          Das veruntreute Geld gehöre Russlands Rentnern, seinen Schulen, es fehle bei der Reparatur seiner desolaten Straßen, bläut Nawalnyj seinen zur Resignation neigenden Landsleuten ein, von denen mittlerweile 38.000 täglich seinen Blog anklicken. Im Fall des Pipelinebaus durch Transneft rechnete er aus, dass jeder Bürger um 1100 Rubel beziehungsweise 28 Euro bestohlen worden sei – was auch dem staatlichen Rechnungshof klar sei, auf dessen Dokumente er sich teilweise stütze, so Nawalnyj. Statt ein Verfahren gegen Transneft anzustrengen, habe dessen Vorsitzender Stepaschin aber nur vielsagend durch seine Brillengläser geblickt. Transneft-Chef Tokarew verhöhnte Navalnyj als provinziellen, erbsenzählenden Dummkopf. Der erwiderte, den Titel trage er gern, aber Transneft solle das Geld zurückzahlen.

          Zum Jahreswechsel gründete Nawalnyj das Internetportal Rospil, in dem Kontrolldaten über Staatseinkäufe und Manipulationen bei den obligatorischen Ausschreibungen dazu zusammengetragen werden. Es wurde bald mit Wikileaks verglichen. Das Logo des Informationsdienstes ist der russische Doppeladler, dessen Greiffüße jeweils eine Säge umkrallt halten, weshalb ein Internetnutzer Nawalnyj wegen Verunglimpfung des russischen Staatswappens verklagen wollte. Als der Korruptionsjäger zum Spenden für Rospil aufrief, um Juristen anheuern zu können, wurden binnen kurzem 37.000 Euro überwiesen. Prompt forderte der Staatssicherheitsdienst FSB vom Server Yandex die Daten der Spender an und leitete sie an den Kremljugendsturmtrupp der Naschisten weiter. Nawalnyjs persönlich mit ihm nicht bekannte Mitpartisanen spendeten daraufhin nur noch mehr Geld.

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