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Blogger Andrew Sullivan : Ich verlasse euch jetzt

  • -Aktualisiert am

Andrew Sullivan Bild: Camera Press / Picture Press

Nach fünfzehn Jahren hört einer der bekanntesten Blogger der Welt auf. Er will zurück ins wahre Leben. Damit hat Andrew Sullivan eine Menge Leute traurig gemacht.

          2 Min.

          Andrew Sullivan hat bekanntgegeben, dass er mit dem Bloggen aufhört, und für viele seiner Leser ist das nicht nur die Einstellung eines Mediums, sondern das Ende einer fast intimen Beziehung. „Ich habe gehört, dass Leute den Laufpass übers Telefon, per E-Mail, sogar per SMS bekommen haben ... aber verlassen werden durch ein Blog?!?“, schrieb einer fassungslos. Sullivan kommentierte: „Ja, es fühlte sich wie eine Trennung an“ und ergänzte im Tonfall eines klassischen Beziehungsendes: „Es liegt nicht an euch; es liegt an mir.“

          Er müsse aufhören, nach fünfzehn Jahren, bevor ihn ein Burnout erschüttere. Und er sei gesättigt vom digitalen Leben und wolle in die „echte Welt“ zurückkehren: mehr Zeit mit seiner Familie verbringen; mal wieder ein schwieriges Buch in aller Ruhe lesen und in seinen eigenen Gedanken umherwandern; Ideen sich entwickeln lassen, ohne sofort darüber zu bloggen.

          Kompromissloses Unabhängigkeitsbedürfnis

          Sullivan ist einer der bekanntesten und einflussreichsten Blogger der Welt. Der in Großbritannien geborene 51 Jahre alte Journalist hat in den Vereinigten Staaten unter anderem für „The New Republic“ und „Time“ gearbeitet. Vor den meisten anderen entdeckte er den Reiz, Texte unabhängig von zeitlichen und technischen Vorgaben und redaktionellen Hierarchien im Internet zu veröffentlichen - und mehr als die meisten anderen entwickelte er daraus eine überaus produktive Kunstform: eine Form des Publizierens, die viel mehr ist als das. „Du bist eigentlich ein Kanal, der 24 Stunden am Tag sendet“, sagte er vor zwei Jahren dem Nieman Journalism Lab.

          Sein Blog „The Daily Dish“ fand zeitweise eine Heimat bei den Online-Auftritten von „Time“, „Atlantic“ und „The Daily Beast“, wo Sullivan aber mit seinem kompromisslosen Unabhängigkeitsbedürfnis oft an Grenzen stieß. Konsequenterweise beschloss er - auch nachdem die Online-Werbeerlöse zurückgingen -, alle Mittelsmänner abzuschaffen: Er machte sich mit seinem Team von Helfern selbständig und ließ sich nur von seinen Lesern finanzieren. Kein Verlag, kein Verkäufer, kein Vermarkter: „Sie zahlen für mich, und ich schreibe für sie. Sie bezahlen uns, und wir bereiten für sie das Internet auf.“ 30 000 Abonnenten zahlen jährlich im Schnitt knapp vierzig Dollar und ermöglichen so einen Jahresetat von mehr als einer Million Dollar.

          Sullivan ist katholisch, schwul und HIV-positiv. Er versteht sich als traditionellen Konservativen und war Anhänger von Margaret Thatcher - verurteilt aber die reaktionäre Politik der Republikaner von heute und hat sich früh für Obama eingesetzt. Er hat lange den Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak verteidigt und das erst spät, dann aber gründlich revidiert.

          Ein Gefühl von Massen-Intimität

          Er hat euphorisch und manisch die Entwicklungen in Iran 2009 begleitet, als die Hoffnung auf eine „Grüne Revolution“ ihn und viele andere elektrisierte. Er hat ebenso wütend und manisch gegen Sarah Palin angekämpft. Er hat sich dabei verrannt und ist immer wieder über das Ziel hinausgeschossen. Das gehörte zu seiner Art des Bloggens wie die Möglichkeit und Pflicht, sich zu korrigieren. Er zitierte Leserstimmen, verlinkte Kritiker, führte in seinem Blog eine endlose Konversation mit den Lesern und der Welt.

          Was das Einzigartige an seinem Blog war, zeigt auch der Eintrag, in dem er - mit angemessenem Pathos - den Abschied ankündigt. „Wenn man über Jahre jeden Tag für seine Leser schreibt, wie ich es getan habe, gibt es nicht mehr viel zu verstecken. ... Ihr wart da, bevor ich meinen Ehemann kennenlernte; ihr wart da, als ich ihn tatsächlich heiraten konnte und als ich endlich meine Green Card bekam und als Dusty - die immer noch den Seitenkopf schmückt - starb. Ich kann diese Beziehung nicht anders beschreiben als mit dem ziemlich plumpen Begriff der ,Massen-Intimität‘, aber während ich dies schreibe, glaubt mir, schwimmen die Tränen in meinen Augen.“

          Ob sein Blog und die Gemeinschaft, die sich darum gebildet hat, eine Zukunft haben ohne sein persönliches tägliches Engagement, ist noch unklar. Nach all dem endlosen täglichen schnellen digitalen Publizieren will er, nach einer Pause, auf jeden Fall wieder schreiben; vielleicht ein Buch.

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