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Neu bei Facebook : Bloggen für Einsteiger 

Kaum wiederzuerkennen: Die guten alten „Notizen“ können sich nach der Neugestaltung mit jedem Wordpress-Blog messen. Bild: Screenshot F.A.Z.

Blogs haben wieder Konjunktur. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Netzwerkkonzern ausgerechnet seine Uraltfunktion „Notizen“ entstaubt und zu einer Konkurrenz zu Wordpress oder Tumblr ausbauen will.

          Dass Facebook sich von seiner Funktion als reine Linkschleuder verabschieden möchte, ist nicht ganz neu. Am liebsten würde Facebook alle anderen Apps, ach was, eigentlich das ganze Internet ersetzen, ist ohnehin viel zu kompliziert. Chatten, Streamen, Telefonieren: Alles soll auf Facebook möglich sein. Da passt es gut ins Gesamtbild, dass als nächstes Blogsysteme wie Medium.com oder Wordpress ins Visier genommen werden. Links sind ja gut und schön, aber nur ein auf Facebook geposteter Inhalt ist ein guter Inhalt. Und da trifft es sich gut, dass es tatsächlich eine von den meisten Usern entweder vergessene, ignorierte oder nie wahrgenommene Unterfunktion im Hinterstübchen gibt, die das schon kann. Sie heißt „Notizen“ und ist in der Tiefe des Drop-Down-Menüs „Mehr“ zu finden, auf das auch nie ein Mensch klickt.

          Die „Notizen“ stammen aus der digitalen Steinzeit, nämlich dem Jahr 2006, als Bytes teuer waren und Posts noch eine Zeichenbegrenzung hatten. Vor 2009 musste man sich mit 160 Zeichen bescheiden, im September 2011 brach die glorreiche Zeit der 5000-Zeichen-Posts an und zwei Monate später wurde das Limit auf mehr als 60000 hochgesetzt. Das sollte für alles, was kein Roman ist, erst einmal reichen.

          Zumindest reicht es für die üblichen Listen und persönliche Zustandsbeschreibungen, Rants über dies und das, Solidaritätsadressen und Beiträge zur Zukunft des Journalismus. Für alles, was darüber hinausgeht und für das man sich so viel Mühe gibt, dass es einen würdigeren, schöner gestalteten Rahmen verdient – also Reiseberichte, kurze Geschichten, Lyrik aus Eigenproduktion und Beiträge zur Zukunft des Journalismus – gab es bislang Blogs. Weil Webspace billig ist und Wordpress unkompliziert, muss man dafür auch kaum mehr als fünf Euro im Monat und eine knappe Stunde zur Aufhübschung des Ganzen investieren. Bei Medium.com, dem Anbieter der Wahl für Gelegenheitsblogger, geht es sogar noch schneller und einfacher.

          Dieser Zustand scheint Facebook nun ein Dorn im Auge. Facebook ist das Schmuddeleck für schnell geteilte Katzenbilder und Petitionen gegen irgendwas, aber der schöne Edelcontent wandert woandershin. Das widerspricht der Firmenphilosphie, das bessere Internet zu sein, natürlich zutiefst. Also erinnerte man sich an die guten alten Notizen, beauftrage die Medium.com-Designer und ließ sie die Sache so aufmöbeln, dass sie nun aussehen wie ein Wordpress- oder Medium-Blogbeitrag, mit spaltenbreitem Headerbild und schickem Layout, einer ansprechenden Schriftart mit anständigem Zeilendurchschuss und jede Menge Weißraum drumherum. Nur der blaue Facebookbalken hängt nach wie vor drüber, und rechts lauern die Chat-Kontakte. Nach der Testphase werden die Benutzer umgestellt – wenn es bei Ihnen noch nicht so weit ist: Haben Sie etwas Geduld.

          Bleibt natürlich die Frage: Warum um Himmels Willen soll man auf Facebook bloggen? Es scheint zunächst so sinnvoll wie ein Ferrari mit Tempomat oder Kachelwindows auf dem Mac. Es hat ein leidlich besseres Layout, man gibt seine Inhalte aber dennoch aus der Hand und die Gestaltungsmöglichkeiten sind begrenzt. Jene Menschen, denen es Spaß macht, an ihrem Blog herumzuschrauben, die wird Facebook damit sicherlich nicht erreichen.

          Wer aber ab und zu einmal ein Urlaubserlebnis für seine Freunde aufbereiten will oder die Fotos der Party von gestern, für den mag die Funktion sicher nützlich sein. Denn sie erlaubt auch das Markieren von Personen, Hashtags und die Begrenzung auf bestimmte Personen oder Freunde. Das ist natürlich sehr nützlich, denn dann sieht der Chef den Exzess von gestern Abend nicht. Und genau das war ja schon immer das Heikle am persönlichen Bloggen: Was plaudert man aus, und was sollte wer besser nicht mitbekommen? Vermutlich sind die Privateinstellungen überhaupt einer der Hauptgründe für die Beliebtheit von Facebook.

          Dazu kommt, dass Facebook immer wieder um die nachwachsende Generation kämpfen muss. Und diese treibt sich momentan zwar viel auf WhatsApp und Instagram herum, aber interessanterweise immer noch auf Tumblr, WordPress oder Medium. Das gute alte Tagebuchbloggen, mit dem um die Jahrtausendwende alles begann, ist noch lange nicht tot. Es ist also nur konsequent, diesen Teenagern eine Funktion anzubieten, mit der sie ihre düsteren Gedanken auf eine optisch ansprechende Weise teilen können, ihre ebenfalls auf Facebook angemeldeten Eltern und Lehrer sie aber nicht lesen können.

          Bislang wurde die Funktion noch nicht offiziell angekündigt. Der Entwickler Dave Winer entdeckte sie zufällig und verbreitete seinen Fund auf Twitter. Wann die neuen Notizen für alle freigeschaltet werden sollen, verrät Facebook noch nicht.

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