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Blochs letzter Fall : Seine Hand löst sich, sein Kinn zittert, seine Augen irren umher

  • -Aktualisiert am

Sensible Schauspielkunst: Dieter Pfaff und Ulrike Krumbiegel Bild: WDR/Frank Dicks

Der letzte Auftritt eines großen Schauspielers: „Bloch. Die Lavendelkönigin“, von Dieter Pfaff meisterhaft gespielt, von Michael Verhoeven gedreht im vergangenen Sommer.

          3 Min.

          An diesem Mittwoch sehen wir Dieter Pfaff in der Rolle des Psychologen Maximilian Bloch zum letzten Mal, und wir werden jetzt nicht davon sprechen, wie sehr Pfaff in der deutschen Schauspiellandschaft fehlen wird, und auch nicht von den zehn Gitarren erzählen, die er bei sich zu Hause aufbewahrte, nicht davon, dass er tatsächlich mal Psychologe werden wollte, nicht von seiner kolossalen Statur oder von der souveränen, wachen Verletzlichkeit seines Spiels; wir werden schlicht die letzte „Bloch“-Folge besprechen, „Die Lavendelkönigin“, bei der Michael Verhoeven Regie führte. Es ist sein dritter „Bloch“; er und Pfaff arbeiteten seit langem zusammen. Entstanden ist „Die Lavendelkönigin“ im vergangenen Sommer.

          Noch einmal also Köln, das Köln des Maximilian Bloch, noch einmal die Hohenzollernbücke: Auf ihrer Brüstung steht eine mutlos blasse Anna Maria Mühe, umklammert einen Pfeiler, will wohl springen, im Brückendraht hinter ihr die Liebesschlösser unzähliger Paare, überdeutliches Sinnbild des „Für immer“. Klarer könnte es kaum sein: Die junge Frau, Stefanie heißt sie, kann nicht. Sie kann nicht leben, nicht lieben. Stefanie wohnt mit ihrem Bruder Lukas (Ludwig Blochberger) in einer durchgestylten, lichtdurchfluteten Puppenhaus-Wohnung voller Rattan-Lichterketten und Fitnessringe, der man sowohl Stefanies Architekturstudium als auch das Geld des arbeitswütigen Vaters ansieht.

          Ein perverses Schwein?

          Die Geschwister lieben einander, scheinen aber auch durch eine ungute Dynamik aneinander gebunden. Lukas beschwert sich über die Bemutterung durch Steffi und darüber, dass sie ständig nackt vor ihm herumläuft. Wenn sie sich in einer Baumwollunterhose, die sie kindlich erscheinen lässt, und mit vom Handtuch verdeckten Brüsten vor dem Spiegel die Haare föhnt und er, nackt aus der Dusche kommend, in den Raum tritt, wird klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

          Um ihre Angstzustände und Depressionen in den Griff zu bekommen, geht Stefanie zu Hypnosesitzungen bei Bloch. Nur: Auch hier versagt ihr Wille, sie erscheint nicht zu Terminen, klingelt stattdessen Sturm an Blochs Haustür, bittet um ein sofortiges Gespräch. Bloch ist ungehalten, weist Stefanie ab. Und gerade als Bloch angeheitert von einem Termin mit seinem Steuerberater zurückkehrt - wenig ist so sympathisch wie ein betrunkener Bloch, der mit dem Schlüssel hantiert -, platzt das Grauen in den Alltag. Seine Freundin Clara (wie immer wunderbar zurückgenommen, ein wenig herb-lakonisch und uneingeschränkt liebevoll: Ulrike Krumbiegel), mit der Bloch sich in der letzten Folge gerade wieder zusammengerauft hat, muss ihm vorspielen, was sie auf dem Anrufbeantworter vorgefunden hat: „Ihr Mann ist ein perverses Schwein.“ Die Stimme von Stefanie. Die junge Frau glaubt, Bloch habe sie während der Hypnosesitzung angefasst, sie gezwungen, ihn zu befriedigen.

          Die selbstverständliche Menschlichkeit

          Man müsste nichts als Blochs Reaktion auf die Anschuldigung sehen, um zu ermessen, was für ein großer Schauspieler Dieter Pfaff war: Seine Hand löst sich, verstehend, vom Gesicht, der Mund öffnet sich vielleicht einen Millimeter weiter, schließlich irren seine Augen ein wenig, das Kinn zittert. Das ist alles. Und doch steht einem das ganze Entsetzen vor Augen, das diese Bezichtigung für Bloch bedeutet; erst in der letzten Folge hat ihm eine seelisch schwerverletzte Frau mit soziopathischen Tendenzen (Birgit Minichmayr in „Das Labyrinth“) unterstellt, er habe sie sexuell belästigt.

          Schnell wird deutlich, dass es sich diesmal anders verhält, Stefanie keine Soziopathin ist: Sie wurde in ihrer Kindheit missbraucht, etwas hat das Trauma zurückgebracht, so dass ihr Unbewusstes den Missbrauch auf ihren Therapeuten übertragen hat. Nur was war es? Wer aus Stefanies Bekanntenkreis ist der Täter? Im verzweifelten Versuch, die Schuld von sich zu weisen, wird Bloch wieder zum Detektiv, treuer denn je unterstützt von seiner Clara.

          Man fragt sich zunächst, ob es nicht eine ungute Entscheidung ist, zwei Folgen „Bloch“ aneinanderzustellen, in denen es um die kolossale Anschuldigung des sexuellen Missbrauchs geht. Zwei Folgen, in denen die weibliche Patientin leidend und irrational ist, in denen die Unterstellung, missbraucht worden zu sein, als Waffe oder Phantasma vorkommt. Aber merkwürdigerweise funktioniert die Geschichte dann doch. Sie funktioniert wegen der radikalen Verschiedenheit der beiden Geschichten, sie funktioniert, weil diese verstörte, blasse, trotzige und doch nicht eigentlich hilflose Stefanie das genaue Gegenprogramm ist zur alles verschlingenden Figur der Andrea aus der vorhergehenden Folge.

          Und wieder einmal macht Bloch alles richtig und treibt dadurch das Unheil voran. Statt zur Polizei zu gehen, versucht er, mit Stefanie zu reden. Diese einfache und selbstverständliche Menschlichkeit ist es, die Bloch als Figur auszeichnet. „Die Lavendelkönigin“ (Buch: Ingo Haeb und Martin Rosefeldt) ist keiner der ganz großen Bloch-Filme, wegen der sich schon im Titel ankündigenden, etwas platten Symbolik und weil das Szenario nicht so viel psychologische Differenziertheit zulässt wie die Vorgänger-Folge. Dennoch: ein würdiger Abschied. Haben wir schon Dieter Pfaffs wache, souveräne Verletzlichkeit als Schauspieler erwähnt?

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