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„Bliss“ bei Amazon Prime : Mehr Klarheit durch Kristalle

Siehst du es, das Paradies? Isabel (Salma Hayek) zeigt Greg (Owen Wilson) die echte Welt oder was sie dafür hält. Bild: Amazon Studios

Der Film „Bliss“ fragt, ob wir die Hölle brauchen, um den Himmel zu schätzen, verliert sich aber auf dem Weg im Limbus. Daran können auch Salma Hayek und Owen Wilson nicht viel ändern.

          3 Min.

          Seit der Vorstellung von der Vertreibung aus dem Paradies versucht der Mensch zwei Dinge: Sich erstens – im Großen wie im Kleinen – ein eigenes Paradies zu schaffen. Zweitens, dennoch die Freiheit seines Willens zu bewahren. Das Ziel: eine Glückseligkeit, über die jeder selbst bestimmt – und nicht ein schwer zu erreichender Gott. Das Problem: Jeder Mensch erhebt zu Recht Anspruch darauf. Deshalb können oder dürfen es nicht alle erreichen. Die Idee, dass Glück sich durch Teilung vermehrt, kollidiert mit der Knappheit der Ressourcen, an die es die Menschen zuletzt geknüpft haben.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          In dem Film „Bliss“ geht Regisseur Mike Cahill nun aber der Frage nach, wie der Mensch sich in jenem unwahrscheinlichen Fall verhält, in dem die titelgebende Glückseligkeit doch für alle möglich wird – und ob Drogen etwas damit zu tun haben könnten. Die Frage, wie es überhaupt dazu kommen könnte, wischt er spielerisch beiseite: Synthetische Biologie bannt Tod und Krankheit, Asteroiden-Bergbau generiert durch die unerschöpflichen Ressourcen des Weltraumgesteins ein Grundeinkommen von 150000 Dollar im Jahr für jedermann, und die Drecksarbeit machen Roboter. Das erfährt der Zuschauer aber erst sehr viel später.

          Erst einmal folgt er Owen Wilson, der ihn in die „Leben heißt Leiden“-Welt von Greg Wittle einführt: frisch geschieden, unglücklich in seinem Job bei einer Firma namens „Technical Difficulties“, träumt er sich in handgezeichneten Bildern in eine andere Welt, in der schöne Frauen in Sommerkleidern auf der Terrasse weitläufiger Anwesen am Meer stehen und in unbequemer Pose rauchen. Das Verhältnis zu seinen Kindern ist schwierig, allein seine Tochter Emily (Nesta Cooper) hält zu ihm.

          „Hole mir mein Amulett von der Toilette zurück“

          Cahills Film hat schon zu Beginn Schwierigkeiten, sein Anliegen so zu erzählen, dass der Betrachter dem folgenden Täuschungstausch glaubt. Er setzt, das macht er in wenig subtilen Andeutungen klar, darauf, dass eben nichts ist, wie es scheint – also alles wie immer. Nach einem verstörenden Gespräch mit seinem Chef, der dabei mehr oder minder aus Versehen sein Leben lässt, flüchtet sich Wittle in eine Bar, in der er (nicht ganz) zufällig Isabel (Salma Hayek) trifft, die ihm nach einer kurzen Queste – „Hole mir mein Amulett von der Toilette zurück“ – erzählt, dass hier nichts echt ist, außer ihr und ihm.

          Wittles Welt wird natürlich vor allem deshalb in tristes Blaugrau getaucht, weil die magischen, gelben Kristalle dadurch umso schöner leuchten, die sich in Isabels Amulett befinden. Mit ihrer Hilfe lässt sich diese Welt ertragen, denn sie befähigen den Kristallesser dazu, die ihn umgebenden Illusionen – hat man sie wie Neo in der Matrix erst mal als solche erkannt – allein Kraft der Gedanken zu manipulieren. Doch während man sich als Betrachter, freudig erregt durch allerlei vorgestellte Bösartigkeiten, bereits die Hände reibt, fällt „Bliss“ nicht mehr ein, als Menschen auf der Rollschuhbahn ins Straucheln zu bringen oder Kerzen via Fingerzeig zu entzünden – was ja vielleicht an Weihnachten ganz willkommen wäre.

          Eine geisterhafte „Telepräsenz“ von Slavoj Žižek

          Und weil das nicht reicht und Greg Isabel nicht glaubt, muss sie zu einer anderen bewusstseinserweiternden Geheimwaffe greifen: blaue Kristalle! Zehn muss man inhalieren, dann kommt man auf der anderen Seite des Kaninchenbaus, in der „echten“ Welt, wieder heraus. Die ist so viel schöner, weil sie im Sommer auf der kroatischen Insel Lopud gedreht wurde und dort alle immer helle Hosen, elegante Hüte oder gleich Abendgarderobe tragen und eine geisterhafte „Telepräsenz“ des Philosophen Slavoj Žižek hier erklären darf, dass er mit der Vorstellung der Hölle als solcher wenig anfangen kann, da sie bestimmt kein schlechter Ort (gutes Essen, gute Orgien) ist. Man müsse nur, solange der Himmel zuschaut, ein wenig leiden, um es danach wieder unbeobachtet zu genießen.

          In dieser Welt waren der Milliardär Greg und die Forscherin Isabel an eine von Isabel entworfene „Brain-Box“ angeschlossen (im Film eine Art Hirn-Aquarium), die schlechtere Welten als diese simuliert, damit Menschen hier wieder das Glück im Überfluss erkennen. Dafür hätte vielleicht auch ein Auslandsaufenthalt oder ein freiwilliges soziales Jahr im Altersheim gereicht, aber wo bliebe dann die filmische Möglichkeit der Weltflucht? Warum beide schließlich wieder zurück ins Tal der reinigenden Schmerzen müssen, kann wohl nur Slavoj Žižek beantworten.

          Als Paar würde man Wilson und Hayek eigentlich gern öfter zuschauen, weil ihr Zusammenspiel ein eigentümlich-chaotisches Potential aufweist. Nur wirkt Wilson in „Bliss“ oft so, als wüsste auch der Schauspieler nicht, wo er sich gerade befindet, während Hayek im Kontrast etwas zu viel Kraft und Lautstärke in ihre Rolle als weiblicher Virgil/Morpheus legt. Ultimativ scheitert der Film an seinem Rhythmus: Zähe Sequenzen der erzählerischen Sprachlosigkeit wechseln mit Szenen, in denen große Brüche und deren Überwindung im Zeitraffer zusammenschnurren: Du musst Erfolg haben, Isabel – Sehet, der Mann ist geheilt von seinem Anspruch – Du hast es allen bewiesen! – Danke sehr. Am treffendsten fasst es Greg gegen Ende seiner Reise zur Glückseligkeit mit diesem ernstgemeinten Satz zusammen: „Schlag mir einfach den Schädel ein, ich treffe dich dann dort.“

          Bliss ist bei Amazon zu sehen.

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