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Bilder aus Syrien : Die Kamera als Waffe

Das Foto, das zum Sinnbild für den Krieg in Syrien werden könnte: Kämpfer der Befreiungsarmee in einer Wohnung in Aleppo Bild: Reuters

In Syrien entstehen täglich Hunderte von Handy-Filmen. Sie sind Teil einer Medienschlacht mit neuen Ausmaßen. Aber welche sind echt, und woran erkennt man das?

          Der Reuters-Fotograf Goran Tomasevic hat in Aleppo ein Foto gemacht, von dem man schon jetzt sagen kann, dass es uns als Sinnbild des Krieges in Syrien im Gedächtnis bleiben wird. Kämpfer der syrischen Befreiungsarmee sind darauf zu sehen, sie haben Stellung bezogen in einem Wohnzimmer, in dem leichte Unordnung herrscht, aber nicht so, wie man es sich für eine Stadt unter Beschuss vorstellt, sondern eher wie für den Morgen nach einer Party. Verletzte oder Tote, wie man es von vielen Fotos aus Syrien kennt, zeigt das Bild nicht. Seine Ungeheuerlichkeit liegt vielmehr in dem verstörendem Nebeneinander von Gegenständen des Alltags und Krieges - von Kronleuchter, Knautschsofa, Plüschvorhängen und den Waffen der Männer und ihren Uniformen in Flecktarn. Aus der Mitte der Gesellschaft, aus syrischen Wohnzimmern kommt die Revolte gegen Baschar al Assad, sagt das Foto. Und als sei das nicht schon genug, sitzt auf einem der Sofas in lässiger Pose ein Kämpfer, der auf etwas Schmales in seinen Händen blickt, vielleicht ein Handy, vielleicht twittert er, vielleicht schaut er sich einen Film an, den er aufgenommen hat und per Mail in die ganze Welt versenden will.

          Waffen aus Plastik

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ob es sich bei dem Gegenstand wirklich um ein Handy handelt, ist letztendlich egal. Goran Tomasevic ist noch in Syrien und war für die Beantwortung dieser Frage nicht zu erreichen. Entscheidend ist, dass man bei dem Mann auf dem Sofa sofort an Twittern denkt. Denn in Syrien gehört das zum Krieg dazu.

          Jeder Krieg ist auch eine Medienschlacht. Die Seite, die mehr Nachrichten öffentlich machen kann, schafft Fakten. Doch nie zuvor gab es eine solche Flut von Bildern und Filmen, die im Internet gepostet oder direkt an Medien auf der ganzen Welt versendet werden, wie jetzt aus Syrien. Sie formen unser Denken, und je länger der Krieg dauert, je mehr die Hoffnung schwindet, desto mehr Filme werden produziert. Die Menschen in Syrien verstehen nicht, warum niemand in den Konflikt eingreift. Mit den Videos wollen sie zeigen, dass es einen Grund dafür gäbe und dass die Assad-Gegner zu allem entschlossen sind. Die Aufnahmen sind also Hilferufe, entspringen einer Mischung aus Verzweiflung und Kalkül.

          Nachrichtenagenturen und Medien sind auf die Filme der Aktivisten angewiesen, wollen sie nicht nur zeigen, was das syrische Staatsfernsehen dokumentiert. Denn nur wenige ausländische Journalisten und unabhängige Nachrichtenagenturen wagen sich im Moment ins Land. Es ist zu gefährlich, immer wieder werden Reporter getötet. Fährt man trotzdem hin, wie aus Deutschland zuletzt Jörg Armbruster für die ARD, Antonia Rados für RTL oder Marcel Mettelsiefen und Christoph Reuter für den „Spiegel“, dann hat man nach der riskanten Reise nicht unbedingt Material, das einen objektiven Blick auf das Geschehen gibt. Die Arbeitsbedingungen machen das fast unmöglich: Mit einem offiziellen Visum kann man etwa zehn Tage bleiben, wird aber dauernd vom Geheimdienst begleitet und ist einer durchchoreographierten Scharade ausgesetzt, in der das syrische Regime als Opfer blutrünstiger Terroristen erscheint. Will man dem entgehen, dann reist man illegal ein, am besten über die türkische Grenze. Wird man von den syrischen Behörden erwischt, drohen Ausweisung oder Gefängnis. Bleibt man unentdeckt, kann man den Alltag der Rebellen begleiten.

          Doch auch sie haben ein Interesse daran, sich eher als Opfer denn als Aggressoren zu inszenieren. Verständnis dafür, dass man beide Seiten anhören will, haben sie nicht. Nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ sind Journalisten bedroht worden, weil ihre Medien nicht kritisch genug über Assad berichten. Das Magazin „Foreign Policy“ schilderte das Schicksal der amerikanischen Fernsehjournalistin Elizabeth Palmer. Sie reiste mit einem Visum ins Land, konnte ihre von der Regierung abgestellten Begleiter jedoch abhängen und machte sich auf die Suche nach Rebellen. Als sie welche fand, wollten die sie sofort erschießen - der Einreisestempel der syrischen Behörden genügte, um in Elizabeth Palmer eine Agentin Assads zu sehen.

          Falsche Bilder

          Wäre sie in einem Team von Al Dschazira eingereist, hätte sie keine Probleme mit den Rebellen bekommen. Der Fernsehsender wird vom Emir von Qatar finanziert. Wie die Saudis will er Assad weghaben - nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern um die eigene Machtbasis in der Region zu erweitern. Offen verlangt er die Bewaffnung der Aufständischen und soll unter ihnen Satellitentelefone für Live-Berichte verteilt haben. Für eine unabhängige Berichterstattung sind solche Entwicklungen fatal. Denn jede Seite des Konflikts fühlt sich nun angespornt, ihrer Wahrheit durch eigene mediale Inszenierungen Gewicht zu verleihen. Und so kennt die Produktion gefakter Filme und Bilder keine Grenzen.

          Die „New York Times“ berichtete von einem Video auf Youtube, in dem eine Gruppe sich als neue Spezialeinheit im Kampf gegen Assad präsentiert: Elf schwarz gekleidete Männer mit Skimasken vor dem Gesicht, hinter ihnen die Fahne der syrischen Befreiungsarmee. In den Händen halten sie Waffen, die wie MP5-Maschinenpistolen aussehen. Alles wirkt sehr bedrohlich und wäre wahrscheinlich auch sehr ernst genommen worden, hätte der Waffenexperte eines britischen Museums sich nicht die Maschinenpistolen genauer angesehen: Made in China, stellte er fest. Spielzeugpistolen. Aus Plastik. Wer den Film gepostet hat, konnte nicht festgestellt werden, vermutlich waren es Sympathisanten der syrischen Opposition, die wohl dachten, sie täten ihren Freunden einen Gefallen mit diesem Muskelspiel.

          Auch die Regierungstreuen wissen, wie man manipuliert. Sie verleiten Redaktionen zu Fehlern, damit deren Glaubwürdigkeit sinkt. Anfang August griffen Hacker einen Blog von Reuters an und posteten erfundene Einträge. Darunter ein Interview mit dem Chef der Freien Syrischen Armee, Riad al-Asaad, in dem dieser erklärte, seine Truppen zögen sich aus Aleppo zurück. In einem anderen gefälschten Beitrag wurde behauptet, die Rebellen hätten in Libyen chemische Waffen gekauft, die nach Syrien geschmuggelt werden sollten. Manipuliert werden sollte offenbar auch die Berichterstattung über das Massaker von Hula Ende Mai, bei dem 108 Menschen, unter ihnen 49 Kinder, getötet wurden. Kurz nachdem das Massaker bekannt geworden war, postete die BBC auf ihrer Internetseite ein Foto, auf dem ein kleiner Junge über eine endlos scheinende Reihe aus Kinderleichen springt. In der Bildzeile erklärte der Nachrichtensender, dass ein Mitglied des syrischen Widerstandes ihm das Bild zugespielt habe, man dessen Authentizität aber nicht garantieren könne. Wie sich zeigte, zu Recht: Der italienische Fotograf Marco di Lauro meldete sich. Er hatte die grausige Szene fotografiert. Allerdings nicht in Hula 2012, sondern während einer Reportagereise im Irak 2003.

          Richtige Fragen

          Einige prosyrische Internetforen schlachteten den Fehler der BBC als Beweis dafür aus, dass die Greueltaten des Assad-Regimes nur eine Erfindung des Westens seien. Ganz bewusst sei ein falsches Foto verwendet worden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Verschwiegen wurde, dass das Foto schon zuvor unwidersprochen auf Twitter kursiert hatte - als Bild nämlich, das das Massaker bezeuge. Dem fünfköpfigen Team bei der BBC, das sich mit der Sichtung und Bewertung von Material beschäftigt, das ihm aus der ganzen Welt zugeschickt wird, hatte das genügt, um das Foto unter Vorbehalt zu veröffentlichen.

          Nicht jeder Sender möchte Risiken eingehen. Manche verzichten lieber auf eine ausführliche Berichterstattung. Bei RTL wird grundsätzlich nur eigenes oder Agenturmaterial verwendet: „Unsere Devise lautet: Better safe than sorry“, sagt Peter Klöppel, der Chefmoderator der RTL-Hauptnachrichten. Werden Bilder gezeigt, bei denen man sich nicht hundertprozentig sicher sei, wann und wo sie entstanden sind, „dann sagen wir das den Zuschauern“. Das gilt auch für das ZDF und die ARD. Handelt es sich um einen Film aus dem Internet, dann ist das links oben im Bild auch zu lesen. „Mit jedem Bild und jeder Filmsequenz, die aus dem Netz kommt, müssen wir uns intensiv beschäftigen. Es passiert zum Beispiel immer wieder, dass Bilder überhaupt nicht von dem Ort stammen, an dem sie angeblich aufgenommen worden sind, oder dass sie schon älter sind, als die Urheber behaupten. Das senden wir dann natürlich nicht“, sagt Ralf Zimmermann von Siefart, Chef vom Dienst in Mainz. Überprüft werden die Bilder und Filme von den Redakteuren der jeweiligen Sendung. Bei der ARD gibt es seit dem vergangenen Jahr sogar eine eigene Redaktion für diese Aufgabe: das „Content Center“ ist, wenn man so will, eine Schnittstelle zwischen dem Leiden in Syrien und der digitalen Wirklichkeit der Revolution. Erreicht die ARD die Nachricht über ein Ereignis, über das in den „Tagesthemen“ berichtet werden soll, dann verschafft man sich im Content Center zunächst einen Überblick, ob es in Blogs, auf Twitter oder bei Youtube Filme davon gibt. Das Finden sei meist einfach, sagt Michael Wegener, der Leiter der Redaktion: „Schwierig ist die Verifizierung des Materials.“

          Das Vorgehen gleicht einem Indizienprozess. Wegeners Mitarbeiter untersuchen die Filme auf Hinweise, und wenn etwas nicht stimmt in der sich daraus ergebenden Indizienkette, dann heißt das, dass man dem Material nicht trauen kann. Zeigt ein Film laut Internetlegende eine Demonstration in einem Viertel Aleppos, dann werden die gezeigten Häuser und Straßen mit Fotodatenbanken wie Google-Bilder oder Picture Alliance und Google Earth abgeglichen, um zu prüfen, ob es in dem betreffendem Viertel tatsächlich so aussieht. Auch das Korrespondentennetz und dessen ortskundige Mitarbeiter werden aktiviert. Bestehen bei ihnen Unsicherheiten, werden Familienmitglieder, Freunde oder etablierte Blogger um Rat gefragt. Sein Team wisse ganz genau, sagt Wegener, auf wen es sich verlassen könne, das Netzwerk an Experten, mit denen die Redakteure über Skype kommunizieren, sei riesig.

          Fragen, die so geklärt werden müssen, sind: Wann und von wem ist das Material hochgeladen worden? Hat jemand aus dem Netzwerk den Film zuvor schon einmal gesehen? Wer ist zu sehen? Was wird gesprochen? In welchem Dialekt? Welche Uniformen tragen die Menschen? Sind Geräusche zu hören, die nicht zum Gezeigten passen? Ist der Film geschnitten? Und gibt es von ein und derselben Szene mehrere Aufnahmen von verschiedenen Kameras, dann deutet das auf die Echtheit der Bilder hin.

          In Syrien gehört die Kamera zu den Waffen der Revolution.

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