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Bilder aus Syrien : Die Kamera als Waffe

Richtige Fragen

Einige prosyrische Internetforen schlachteten den Fehler der BBC als Beweis dafür aus, dass die Greueltaten des Assad-Regimes nur eine Erfindung des Westens seien. Ganz bewusst sei ein falsches Foto verwendet worden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Verschwiegen wurde, dass das Foto schon zuvor unwidersprochen auf Twitter kursiert hatte - als Bild nämlich, das das Massaker bezeuge. Dem fünfköpfigen Team bei der BBC, das sich mit der Sichtung und Bewertung von Material beschäftigt, das ihm aus der ganzen Welt zugeschickt wird, hatte das genügt, um das Foto unter Vorbehalt zu veröffentlichen.

Nicht jeder Sender möchte Risiken eingehen. Manche verzichten lieber auf eine ausführliche Berichterstattung. Bei RTL wird grundsätzlich nur eigenes oder Agenturmaterial verwendet: „Unsere Devise lautet: Better safe than sorry“, sagt Peter Klöppel, der Chefmoderator der RTL-Hauptnachrichten. Werden Bilder gezeigt, bei denen man sich nicht hundertprozentig sicher sei, wann und wo sie entstanden sind, „dann sagen wir das den Zuschauern“. Das gilt auch für das ZDF und die ARD. Handelt es sich um einen Film aus dem Internet, dann ist das links oben im Bild auch zu lesen. „Mit jedem Bild und jeder Filmsequenz, die aus dem Netz kommt, müssen wir uns intensiv beschäftigen. Es passiert zum Beispiel immer wieder, dass Bilder überhaupt nicht von dem Ort stammen, an dem sie angeblich aufgenommen worden sind, oder dass sie schon älter sind, als die Urheber behaupten. Das senden wir dann natürlich nicht“, sagt Ralf Zimmermann von Siefart, Chef vom Dienst in Mainz. Überprüft werden die Bilder und Filme von den Redakteuren der jeweiligen Sendung. Bei der ARD gibt es seit dem vergangenen Jahr sogar eine eigene Redaktion für diese Aufgabe: das „Content Center“ ist, wenn man so will, eine Schnittstelle zwischen dem Leiden in Syrien und der digitalen Wirklichkeit der Revolution. Erreicht die ARD die Nachricht über ein Ereignis, über das in den „Tagesthemen“ berichtet werden soll, dann verschafft man sich im Content Center zunächst einen Überblick, ob es in Blogs, auf Twitter oder bei Youtube Filme davon gibt. Das Finden sei meist einfach, sagt Michael Wegener, der Leiter der Redaktion: „Schwierig ist die Verifizierung des Materials.“

Das Vorgehen gleicht einem Indizienprozess. Wegeners Mitarbeiter untersuchen die Filme auf Hinweise, und wenn etwas nicht stimmt in der sich daraus ergebenden Indizienkette, dann heißt das, dass man dem Material nicht trauen kann. Zeigt ein Film laut Internetlegende eine Demonstration in einem Viertel Aleppos, dann werden die gezeigten Häuser und Straßen mit Fotodatenbanken wie Google-Bilder oder Picture Alliance und Google Earth abgeglichen, um zu prüfen, ob es in dem betreffendem Viertel tatsächlich so aussieht. Auch das Korrespondentennetz und dessen ortskundige Mitarbeiter werden aktiviert. Bestehen bei ihnen Unsicherheiten, werden Familienmitglieder, Freunde oder etablierte Blogger um Rat gefragt. Sein Team wisse ganz genau, sagt Wegener, auf wen es sich verlassen könne, das Netzwerk an Experten, mit denen die Redakteure über Skype kommunizieren, sei riesig.

Fragen, die so geklärt werden müssen, sind: Wann und von wem ist das Material hochgeladen worden? Hat jemand aus dem Netzwerk den Film zuvor schon einmal gesehen? Wer ist zu sehen? Was wird gesprochen? In welchem Dialekt? Welche Uniformen tragen die Menschen? Sind Geräusche zu hören, die nicht zum Gezeigten passen? Ist der Film geschnitten? Und gibt es von ein und derselben Szene mehrere Aufnahmen von verschiedenen Kameras, dann deutet das auf die Echtheit der Bilder hin.

In Syrien gehört die Kamera zu den Waffen der Revolution.

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