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Bilder aus Syrien : Die Kamera als Waffe

Doch auch sie haben ein Interesse daran, sich eher als Opfer denn als Aggressoren zu inszenieren. Verständnis dafür, dass man beide Seiten anhören will, haben sie nicht. Nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ sind Journalisten bedroht worden, weil ihre Medien nicht kritisch genug über Assad berichten. Das Magazin „Foreign Policy“ schilderte das Schicksal der amerikanischen Fernsehjournalistin Elizabeth Palmer. Sie reiste mit einem Visum ins Land, konnte ihre von der Regierung abgestellten Begleiter jedoch abhängen und machte sich auf die Suche nach Rebellen. Als sie welche fand, wollten die sie sofort erschießen - der Einreisestempel der syrischen Behörden genügte, um in Elizabeth Palmer eine Agentin Assads zu sehen.

Falsche Bilder

Wäre sie in einem Team von Al Dschazira eingereist, hätte sie keine Probleme mit den Rebellen bekommen. Der Fernsehsender wird vom Emir von Qatar finanziert. Wie die Saudis will er Assad weghaben - nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern um die eigene Machtbasis in der Region zu erweitern. Offen verlangt er die Bewaffnung der Aufständischen und soll unter ihnen Satellitentelefone für Live-Berichte verteilt haben. Für eine unabhängige Berichterstattung sind solche Entwicklungen fatal. Denn jede Seite des Konflikts fühlt sich nun angespornt, ihrer Wahrheit durch eigene mediale Inszenierungen Gewicht zu verleihen. Und so kennt die Produktion gefakter Filme und Bilder keine Grenzen.

Die „New York Times“ berichtete von einem Video auf Youtube, in dem eine Gruppe sich als neue Spezialeinheit im Kampf gegen Assad präsentiert: Elf schwarz gekleidete Männer mit Skimasken vor dem Gesicht, hinter ihnen die Fahne der syrischen Befreiungsarmee. In den Händen halten sie Waffen, die wie MP5-Maschinenpistolen aussehen. Alles wirkt sehr bedrohlich und wäre wahrscheinlich auch sehr ernst genommen worden, hätte der Waffenexperte eines britischen Museums sich nicht die Maschinenpistolen genauer angesehen: Made in China, stellte er fest. Spielzeugpistolen. Aus Plastik. Wer den Film gepostet hat, konnte nicht festgestellt werden, vermutlich waren es Sympathisanten der syrischen Opposition, die wohl dachten, sie täten ihren Freunden einen Gefallen mit diesem Muskelspiel.

Auch die Regierungstreuen wissen, wie man manipuliert. Sie verleiten Redaktionen zu Fehlern, damit deren Glaubwürdigkeit sinkt. Anfang August griffen Hacker einen Blog von Reuters an und posteten erfundene Einträge. Darunter ein Interview mit dem Chef der Freien Syrischen Armee, Riad al-Asaad, in dem dieser erklärte, seine Truppen zögen sich aus Aleppo zurück. In einem anderen gefälschten Beitrag wurde behauptet, die Rebellen hätten in Libyen chemische Waffen gekauft, die nach Syrien geschmuggelt werden sollten. Manipuliert werden sollte offenbar auch die Berichterstattung über das Massaker von Hula Ende Mai, bei dem 108 Menschen, unter ihnen 49 Kinder, getötet wurden. Kurz nachdem das Massaker bekannt geworden war, postete die BBC auf ihrer Internetseite ein Foto, auf dem ein kleiner Junge über eine endlos scheinende Reihe aus Kinderleichen springt. In der Bildzeile erklärte der Nachrichtensender, dass ein Mitglied des syrischen Widerstandes ihm das Bild zugespielt habe, man dessen Authentizität aber nicht garantieren könne. Wie sich zeigte, zu Recht: Der italienische Fotograf Marco di Lauro meldete sich. Er hatte die grausige Szene fotografiert. Allerdings nicht in Hula 2012, sondern während einer Reportagereise im Irak 2003.

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