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„Bild“ für alle? : Einfach gar keine Haltung

Bloß nicht auf der Verlierer-Seite stehen: Dass „Bild“ ganz vorne dabei war, als es darum ging, die Lügen Wulffs zu enthüllen, war Ausdruck der Schwäche Bild: dpa

Zu ihrem sechzigsten Geburtstag wird uns allen die „Bild“ zwangsweise zugestellt. Nichtleser dieser Zeitung sollten wissen, was sie erwartet. Eine Vorbereitung.

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          Ach, womöglich wäre ja wirklich etwas damit gewonnen gewesen, wenn Hans Leyendecker, der Chefenthüllungsjournalist der „Süddeutschen Zeitung“, sich etwas klarer und aggressiver ausgedrückt hätte - neulich, als er den Henri-Nannen-Preis für Enthüllungsjournalismus ablehnte, weil er ihn sich nicht mit der „Bild“-Zeitung teilen wollte.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vermutlich hätte Leyendecker sagen sollen, dass der „Bild“-Kollege Martin Heidemanns berüchtigt für seine Recherchemethoden sei, weshalb er ihm lieber nicht die Hand schütteln wolle. Er hätte sagen sollen, dass er mit den Methoden, den Meinungen und Begriffen der „Bild“-Zeitung grundsätzlich nichts zu tun haben wolle; und dass, wofür die Zeitung ausgezeichnet wurde, nämlich ihre Enthüllung, dass Christian Wulff den niedersächsischen Landtag belogen habe, eher ein Akt des Zynismus als ein Werk der Aufklärung gewesen sei.

          Keine politische Haltung?

          Dem hätte man dann zustimmen oder widersprechen können, man hätte nach Argumenten und Beweisen gesucht - und womöglich hätte die Öffentlichkeit danach ein wenig klarer gesehen, was die „Bild“-Zeitung ist, was sie tut und zu welchem Zweck.

          Aber Leyendecker knurrte nur, dass er ja eigentlich nichts gegen die Kollegen habe, dem Publikum schien die ganze Sache peinlich zu sein - und es ist diese Verdruckstheit, welche, seit überhaupt von „Bild“ gesprochen wird, seit sechzig Jahren also, das Gespräch über diese Zeitung so unerfreulich macht. Als im vergangenen Jahr der „Spiegel“ der „Bild“-Zeitung eine Titelgeschichte widmete, hatten die Reporter des Nachrichtenmagazins vor allem viel Moral im Gepäck und eine Arbeitshypothese, die sich fast jeden Tag widerlegen lässt: dass „Bild“ nämlich eine politische Haltung habe und dass diese Haltung dem entspreche, was in anderen europäischen Ländern die rechtspopulistischen, ressentimentgesteuerten Parteien tun. Die Zeitung hetze gegen Immigranten, verachte Minderheiten, schüre einen dumpfen Nationalismus.

          Schreibt „Bild“ nur das auf, was das Volk denkt?

          Die ganze Sache ging für den „Spiegel“ auch deshalb so schief, weil der Reporter, der sich zum Interview mit dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann traf, sich anscheinend zu fein war, die Zeitung vorher mal genau zu lesen. Er schien zu erwarten, dass Diekmann sich geniere und entschuldige fürs Prollige und Laute, fürs Billige und Vulgäre. Und dass Diekmann das Wortduell so eindeutig gewann, lag daran, dass der „Spiegel“ seiner Behauptung, „Bild“ schreibe nur auf, was das Volk so denke, spüre und empfinde, kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

          Und je weiter man sich entfernt, desto plausibler scheint ja diese Behauptung zu sein - selbst damals, 1968, als die revoltierenden Studenten in der „Bild“-Zeitung den ideologischen Hauptgegner und den Anstifter zu den Schüssen auf Rudi Dutschke sahen, selbst damals, so schaut es heute aus, protestierten jene Studenten, die das Springer-Hochhaus in Berlin blockierten, gegen das Volk, das sie doch angeblich befreien wollten. In West-Berlin lebten eben, nachdem das liberale und produktive Bürgertum die isolierte Stadt verlassen hatte, vor allem die Verlierer, die Übriggebliebenen, welche gegen die nichtsnutzigen Bürgerkinder aus westdeutschen Wohlstandsfamilien genau das Ressentiment hatten, welches die „Bild“-Zeitung dann zu Schlagzeilen formte.

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