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Fragwürdiges „Bild“-Video : 249 Euro für einen Corona-Test?

Arbeitet „Medi-Lab“ mit renommierten Laboren zusammen? Das ist bisher unklar. (Symbolbild) Bild: dpa

Eine Firma bietet einen angeblichen Corona-Test zum Bestellen an und bekommt von der „Bild“ prompt eine Plattform. Handelt es sich um Betrug? Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft das dubiose Angebot.

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          „Man kann sich Corona-Tests jetzt nach Hause liefern lassen. Und innerhalb von 48 Stunden ein Ergebnis bekommen und soll Klarheit dann haben, ob man sich selber isolieren muss oder tatsächlich gesund ist.“ So sagte es „Bild“-Reporterin Nele Würzbach und sprach damit an, was sich viele Menschen gerade wünschen: Klarheit. Sie interviewte Jessica Czakon, Mitgründerin von „corona-testen.de“ per Video. Czakon sagte, die Firma habe sich darauf spezialisiert, Menschen Gewissheit zu geben, die nicht mehr außer Haus gehen wollten. 249 Euro kostet der Test, den man sich  liefern lassen könne.
           
          Wie Recherchen der Plattform „Vice“ zeigen, sind die Urheber des dubiosen Angebots aber wohl vor allem darauf aus, Geld zu verdienen – mit der Unsicherheit der Menschen. Die Internetseite scheint auf den ersten Blick seriös. Ein Siegel behauptet, dies sei ein „Echter PCR Labortest in Deutschland“, den „Medi.Lab“ anbiete. In nur fünf Schritten gehe es zum Testergebnis: Test-Kit bestellen, Selbsttest durchführen, Fragebogen ausfüllen, einschicken, schon sei das Ergebnis da. Der Fragebogen ist angelehnt an ein Dokument der Berliner Charité, dem Labor, das von dem Virologen Christian Drosten geleitet wird. Auf Anfrage von „Vice“ sagte das Labor, man habe kein geschäftliches Verhältnis zu „Medi.Lab“.

          Keinerlei medizinisches Fachwissen

          „Wir arbeiten mit den Laboren zusammen, die Kapazität haben“, sagte Czakon im Video. Auf eine Anfrage, mit welchen Laboren „Medi.Lab“ zusammenarbeite und wie das Verfahren laufe, antwortete das Unternehmen nicht. Das ehemalige Playmate Jessica Czakon und Gründer Gennaro Piro, der sonst auf seiner Website „rooketboost.de“ ab 15,99 Euro Follower für Instagram verkauft, weisen keinerlei medizinisches Fachwissen auf. Die Website gibt jedoch an, man arbeite mit Ärzten zusammen, mit welchen, das bleibt offen. Zu lesen ist auch: „die Plattform ist nicht als Ersatz für den Kunden gedacht, die einen medizinischen Notdienst, eine tatsächliche medizinische Diagnose oder eine Beratung durch einen Arzt suchen.“


           
          Die rprp Logistik und Dienstleistungs GmbH, die im Impressum steht, ist in Langenhagen/Niedersachsen gemeldet. „Vice“ gab dem zuständigen Gewerbeamt einen Hinweis. Uwe Licht-Klagge, Abteilungsleiter der Gewerbeaufsicht berichtete, man habe die Firma unter der angegebenen Adresse besucht. Sie sei physisch nicht vorhanden, obwohl das Impressum als auch der Handelsregistereintrag auf die Adresse lauten: „Da war nicht einmal ein Briefkasten.“

          Daraufhin habe man sich Unterlagen des Unternehmens zuschicken lassen. Das „Testkit“ entspreche dem Medizinprodukterecht. „Ob das Testangebot betrügerisch ist, können wir nicht prüfen“, sagte Licht-Klagge. Auch wenn der Gesamtauftritt sehr ominös sei. Handelt es sich um Betrug? Das ist eine offene Frage. Der Fall sei der Staatsanwaltschaft Hannover übergeben worden. Dort heißt es, man prüfe, ob der Anfangsverdacht für eine Straftat zu bejahen sei.

          „Falsch und unterstellend“

          Auf Anfrage dieser Zeitung verwies ein Sprecher des Axel Springer-Verlags vor allem darauf, dass es sich bei dem Video nicht um Werbung handele. Die Einschätzung von „Vice“, dass dies Werbung darstelle, sei „falsch und unterstellend“. „Vice“ hatte kritisiert, das Video hätte als Werbung kenntlich gemacht werden müssen. Das Unternehmen „Medi.Lab“ biete „laut eigener Aussage Corona-Tests für zuhause an“. Dies habe man vorgestellt und „durch die Moderation verständlich und anschaulich erläutert“. Dabei sei „auch kritisch auf den hohen Preis hingewiesen“ worden.

          Der Bayerische Rundfunk und andere Medien hätten ebenfalls dazu berichtet. Offen bleibt jedoch, warum „Bild“ überhaupt dieses nicht gerade vertrauenerweckende Angebot aufgegriffen hat. Auf dem Youtube-Kanal von „Bild“ wurde das Video zwischenzeitlich gelöscht, auf Bild.de kann es angesehen werden. Die Anfrage dieser Redaktion bei „Medi.Lab“ blieb bis Dienstagnachmittag unbeantwortet.

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