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Flüchtlingskrise und Medien : Hinterher sind nicht alle schlauer

Ankunft auf dem Münchner Hauptbahnhof: Ein Flüchtling hat ein Bild von Angela Merkel im Gepäck. Bild: dpa

Vor einem Jahr öffneten sich die Grenzen, mehr als eine Million Menschen kam ins Land. Angela Merkel sagte: „Wir schaffen das“. Es folgten Übergriffe und Anschläge. Die Medien waren dabei. Doch in welcher Weise?

          Vor einem Jahr, am 4. September 2015, öffneten Deutschland und Österreich ihre Grenzen. Die desolate Lage der Flüchtlinge, die in Ungarn gestrandet waren, schien dies zu erzwingen. Darauf zumindest lautete die Erklärung der Bundeskanzlerin, die zu den Folgen, die ihre Entscheidung hatte, von diesem Tag an bis heute drei Worte sagt, von denen es im Fernsehen stets heißt, sie seien ein Diktum für die Geschichtsbücher: „Wir schaffen das.“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Viele Medien, allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen, scheinen ihr darin recht geben zu wollen. Wochenlang dominierten Bilder die Nachrichten, die dankbare Flüchtlingen und ihre begeisterte Aufnahme - etwa am Hauptbahnhof in München - zeigten. Wer Angela Merkels Mantra mit dem Fragewort „Wie“ verbindet - Wie schaffen wir das? - hat einen schweren Stand. In der jubilierenden „Zeit“, in der euphorischen „Bild“-Zeitung und in den Fernseh-Talkshows, die im vorherrschenden Meinungsstrom ganz vorne mitschwimmen, zeigt sich das Woche um Woche. Wer kritisch nachfragt, auf Risiken hinweist, fragt, ob überhaupt jemand weiß, wie viele Menschen ins Land gekommen und wo diese geblieben sind, gerät schnell ins Abseits. Angela Merkel indes trat zweimal in der ARD, in der Sendung von Anne Will auf, um ihre Position darzulegen und wurde dabei wenig hinterfragt. Von journalistischer Distanz keine Spur.

          Abweichende Meinung unter Generalverdacht

          Und jetzt, ein Jahr später? Da verrät Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der „Zeit“ im Magazin „Cicero“, was ihn „im zurückliegenden Jahr so sehr geärgert hat“: „dass eine von der Politik der Bundesregierung abweichende Meinung, manchmal auch schon kritische Fragen, unter den Generalverdacht gestellt wurden, man habe etwas gegen Flüchtlinge oder betreibe das Geschäft der Populisten“. Schwer zu verstehen findet der Chefredakteur „die anfängliche Euphorie unter Journalisten“. „Wir“ seien „zumindest in der Anfangszeit geradezu beseelt“ gewesen „von der historischen Aufgabe, die es nun zu bewältigen galt“, schreibt di Lorenzo und nimmt seine eigene Zeitung („wenigstens anfänglich“) nicht aus. Wobei man hinter „anfänglich“ und das „Wir“ wohl Fragezeichen machen darf.

          Ohne die monatelange wohlwollende Berichterstattung, die ein Sorgen, Kritik und Ängste weglächelndes Willkommensklima medial verstärkte, sind die Wegduckreflexe nach der Silvesternacht von Köln kaum zu erklären. Aber auch nicht ohne die fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die sich im sächsischen Heidenau schon im August 2015 gegen ein Asylbewerberheim gerichtet hatten. Heidenau stand als Menetekel rechter Gewaltbereitschaft im Raum, die sich gegen alles Fremde richtet.

          Die Silvesternacht auf der Kölner Domplatte.

          Doch dann wurden in Köln massenweise Fremde zu Tätern, und die Reaktionen darauf ließen mit Händen greifen, wie Berichterstattung mit Fürsorge verwechselt wurde. Behörden, Politik und Medien zeigten sich überfordert. Am Morgen nach den hundertfachen sexuellen Angriffen im Hauptbahnhof und auf der Domplatte ließ die Kölner Polizei die Presse wissen, zum Jahreswechsel habe auf den Straßen eine „ausgelassene, weitgehend friedliche Stimmung“ geherrscht. Lediglich auf dem Bahnhofsvorplatz hätten Böller für eine drohende Panik gesorgt, die Beamten seien jedoch „gut aufgestellt und präsent“ gewesen.

          Die Kölner Polizei informiert am 1. Januar falsch

          Was tatsächlich geschehen war, kursierte in den sozialen Netzwerken - und der Vorwurf, es werde bewusst verschwiegen. Erst am Tag darauf, als die Anzeigen sich zu summieren begannen und der Protest aus dem Netz lauter wurde, legte die polizeiliche Pressestelle nach und schrieb von sexuellen Attacken, die nach Zeugenaussagen von „nordafrikanisch“ aussehenden Männern verübt worden seien. Es dauerte weitere zwei Tage und Stellungnahmen der Polizeigewerkschaft sowie der Bundespolizei, bis die Vorfälle es in überregionale Medien schafften. Am 4. Januar machte die „Tagesschau“ die Vorfälle zum Thema und nannte die Herkunft der mutmaßlichen Täter, um die sich der hauseigene Videotext und andere Medien noch herumlavierten. Am 4. Januar will auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erstmals von den Ereignissen erfahren haben.

          Warum er Angaben zur Täterherkunft mache, das sei doch nicht üblich, wurden der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft NRW, Arnold Plickert, von Journalisten gefragt, und er antwortete: Da heiße es jetzt, das spiele Rechtsextremen in die Hände, aber die Information sei zum Verständnis des Falls nötig. So argumentiert auch der deutsche Pressekodex, dem viele in dieser Frage erst nicht trauen wollten. Die Auslandspresse konstatierte: Diese Silvesternacht wird die Nagelprobe für Angela Merkels Flüchtlingspolitik, als hierzulande noch der Vorschlag der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Frauen sollten eine Armlänge Abstand halten, die Runde machte, und davor gewarnt wurde, die Vorfälle mit der Flüchtlingsdebatte kurzzuschließen. Bald lag allerdings offen zutage, dass auch Flüchtlinge unter den Angreifern waren.

          Das Narrativ der Willkommenskultur

          Damit, möchte man meinen, hätte das Narrativ von der Willkommenskultur, das nur das Beste in den Menschen, die kommen, sehen will, am Ende sein müssen, weil es von der Wirklichkeit überholt wurde. Doch bis Nüchternheit einkehrte, war noch so manche publizistische Verrenkung zu lesen: Netzfeministinnen initiierten die Initiative „#ausnahmslos“ und wollten den Spezialfall Köln dazu nutzen, sexuelle Gewalt im Allgemeinen und überall anzuprangern, die „Zeit“ titelte mit dem Erfahrungsbericht einer Autorin, die von zwei arabischen Männern bis vor ihre Haustür verfolgt wurde, aber nicht zu denen gehören wolle, die jetzt „Stimmung“ machten, im „Tagesspiegel“ stand, das Ganze sei ein „symbolisches ,Gespräch‘“ unter Männern über Urängste gewesen, es wurde viel über den arabischen Mann nachgedacht, und Jakob Augstein wies auf „Spiegel Online“ darauf hin, dass die angegriffenen Frauen den Grabschern ja sozial überlegen seien, als mache das die Sache halb so schlimm.

          Der Vorfall, der nicht in das Raster der bisherigen Berichterstattung passte, warf viele aus dem Takt, bis sich die Macht des Faktischen durchsetzte. Ein ähnlicher Effekt, wenn auch anders gelagert, zeigte sich, als in München ein Täter zuschlug, der ebenfalls in kein Raster passte.

          Am Abend des Attentats vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum.

          Am Abend des 22. Juli 2016 schalteten ARD und ZDF in den CNN-Modus. Im Münchner Olympia-Einkaufszentrum waren Schüsse gefallen, neun junge Menschen wurden getötet. War es ein Täter, waren es mehrere? Womöglich seien mehrere Verdächtige mit „Langwaffen“ auf der Flucht, hieß es. Die Stadt war im Ausnahmezustand, Terroralarm wurde ausgelöst, der Polizeieinsatz war beispiellos. Die Informationslage erschien entsprechend verworren. Im Internet, in den sogenannten sozialen Netzwerken, liefen die Meldungen heiß, im Minutentakt überschlugen sich die Gerüchte, deren Ausmaß am Morgen danach offenbar wurde: Nicht ein islamistisches Terrorkommando und auch keine Zelle von Neonazis hatte das Massaker angerichtet, sondern ein junger Mann, der sich nach der Tat selbst erschoss und dessen Hassverbrechen man am ehesten mit dem stets unpassenden Begriff „Amoklauf“ fassen kann.

          ARD und ZDF spekulieren

          Doch was machte das Fernsehen? Es füllte die Stunden mit totaler Verunsicherung. ARD und ZDF, die sich zuvor den Vorwurf gefallen lassen mussten, sie seien in Sachen „Breaking News“ immer hintendran, setzten die Spekulationsmaschine in Gang. Im Ersten spielte der ehemalige „Spiegel-“ Chefredakteur Georg Mascolo im Verein mit dem Moderator Thomas Roth stundenlang Was-wäre-Wenn. Was wäre, wenn es sich um einen islamistischen Anschlag handelte? Was wäre, hätten Rechtsextreme das Verbrechen verübt? Oder doch ein Amoklauf? Im ZDF war es dasselbe, hier drehten der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen und der Moderator Claus Kleber eine Raterunde nach der anderen. Hier wie dort schalteten die Sender zu den Korrespondenten nach München, die sich an den abgeklärten Sprecher der Münchner Polizei klammerten, der tat, was sein Job ist: den gesicherten Stand der Dinge mitteilen und Spekulationen zurückweisen.

          Gegen Mitternacht warteten die Sender mit dem vermeintlichen Clou auf - einem kurzen Handyv-ideo, auf dem der Täter zu sehen und zu hören war, wie er einem Anwohner zurief: „Ich bin Deutscher.“ Schon ging es auf zu den nächsten Stegreifrunden, die sich bis zur Pressekonferenz der Münchner Polizei gegen halb drei zogen, auf welcher der vorläufige Stand der Ermittlungen verlautete: zehn Tote, 21 Verletzte, der mutmaßliche Täter ein 18 Jahre alter Deutsch-Iraner, der allein gehandelt habe.

          War da was?

          Hinterher ist man immer schlauer, die Frage ist nur: In welcher Weise? In keiner Weise möchte man mit Blick auf die Sender sagen, die den Eindruck vermitteln, sie hätten in dem Augenblick, in dem die Sache vorbei war, vergessen, wie sie sich bis gerade eben noch verhielten. Mehr noch: Manche verbreiten sogar, wie besagter Experte Georg Mascolo in einem Artikel, den er gemeinsam mit Peter Neumann vom Londoner King’s College in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, gute Ratschläge - für alle anderen, aber offenbar nicht für sich selbst. Die Berichterstattung über den Terror müsse sich ändern, lesen wir da. Der IS messe „den Erfolg einer Tat nicht nur anhand der Zahl der Toten, sondern auch anhand der Länge von Sondersendungen und der Größe der Schlagzeilen in den Zeitungen“. Bei „der Sprache“ gelte „Vorsicht so wie bei Bildern“, vor Live-Bildern, die im Netz verbreitet werden, sei zu warnen, weil sie Opfer gefährden, die Arbeit der Polizei behindern und den Tätern in die Hände spielen. Alles wohlfeil, alles wohl wahr - aber für wen gilt das denn, wenn nicht für diejenigen, die uns mit Spekulationen in Endlosschleife in Atem gehalten haben?

          Der „Macht von Desinformation und Verschwörungstheorien, von Dummköpfen oder von Propagandisten können wir nur Genauigkeit, Distanz und Glaubwürdigkeit entgegensetzen“, sagt Giovanni di Lorenzo und grüßt aus dem Glashaus. Man habe, sagte der ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung auf die Frage zum Thema Flüchtlingskrise, „nach einer anfänglichen Euphorie, die es in der Gesellschaft gegeben hat und die wir abgebildet haben, sehr früh damit begonnen, alle Seiten der Medaille zu beleuchten“. Das mit der bloßen Abbildung und den beiden Seiten der Medaille könnte man angesichts der Berichterstattung des vergangenen Jahres für eine Untertreibung halten.

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