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Big Data und Demokratie : Algorithmen aus der Spielhöhle

  • -Aktualisiert am

Dan Wagner Bild: Technology Review

Dan Wagner, Chef von Civis Analytics, behauptet, dass er Big Data nur legal auswertet. Er tut so, als wäre das Motto seiner Firma: „nichts Böses tun“. Doch die Nähe zu Google irritiert. Eine Begegnung mit Obamas nerdigem Chefanalysten.

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          Es ist ein unternehmerisches Kundenversprechen, das wie eine Heilsbotschaft klingt: „Wir lösen die größten Probleme der Welt mit Big Data.“ Aber Dan Wagner, Chef und Gründer der Firma Civis Analytics, kommt wahrlich nicht wie ein Messias daher. Ganz nüchtern schildert er im Gespräch mit dieser Zeitung, wie aus riesigen Datenmengen Lehren zu ziehen sind, die Nutzen bringen. Und zwar Nutzen nicht nur politischer und materieller Art.

          So befindet sich unter Wagners Kunden auch der amerikanische College Board, eine Einrichtung, die von Tausenden von Schulen und Universitäten getragen wird und mit standardisierten Tests den Zugang zu Hochschulen mitbestimmt. Civis Analytics sollte nun erst einmal herausfinden, warum leistungsstarke Schüler aus einkommensschwachen Familien weniger oft sich um Studienplätze bewerben als vergleichbar qualifizierte Schüler aus wohlhabenden Familien, und dann eine Kampagne entwickeln, um das Problem zu beheben.

          Obamas Auftrag

          Egal, ob der Auftrag von einem gemeinnützigen oder profitorientierten Unternehmen kommt - Civis Analytics wird immer das Datenmaterial organisieren und statistische Modelle bauen, damit der Auftraggeber bessere oder jedenfalls für ihn günstigere Entscheidungen treffen kann. „Data mining“ aber, wie Wagner mehrfach unterstreicht, gehört nicht zum Unternehmensangebot. Die Daten, die er benutzt, werden ihm entweder direkt von den Kunden geliefert oder sind für jedermann zugänglich oder käuflich, wie zum Beispiel die Marktforschungszahlen von Nielsen Media Research und die von Comescore zusammengestellten Ergebnisse des elektronischen Datenverkehrs. Aus solchen Quellen kommt jetzt das Rohmaterial, das Civis Analytics analysiert, das heißt: verständlich und schließlich ergiebig macht.

          Der technische und wissenschaftliche Weg, den Wagner dazu einschlägt, begann in der Politik. Er war vierundzwanzig Jahre alt, als er 2007 nach dem Studium der Ökonomie und Public Policy an der University of Chicago für den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama unentgeltlich eine Telefonstrategie entwarf, die darauf abzielte, Latinos an die Vorwahlurnen zu bringen. Spieltheoretisch geschult, sagte er voraus, wie viele Stimmen ein Kandidat dem anderen abluchsen müsste, um einen zusätzlichen Wahlmann zu gewinnen. Das Experiment funktionierte tadellos. Heute will Wagner der Spieltheorie nur noch einen relativ kleinen Platz in seinen Prognosen einräumen: „Es war mein Start damals bei den Vorwahlen in Iowa, aber jetzt ist das nicht mehr so wichtig.“ Aufgegeben hat er das strategische Instrument offenbar nicht.

          Im weiteren Verlauf des Wahlkampfs wurde der vielversprechende Praktikant in Obamas Team übernommen, dem er half, mögliche und unentschiedene Wähler aufzuspüren. „Analytische Methoden befanden sich da noch in ihrer Kindheit“, erklärt Elizabeth Jarvis-Shean, Senior Communications Advisor von Civis Analytics. Nach der erfolgreichen Wahl war Wagner dem Democratic National Committee zu Diensten, dem er nur allzu korrekt prophezeien konnte, 2010 einer empfindlichen Wahlniederlage entgegenzugehen. Diese schlechten Botschaften sollte er im nächsten Präsidentschaftswahlkampf in gute verwandeln. Das war der Auftrag, den er als Obamas Chief Analytics Officer bekam. Big Data war von da an seine Spielwiese oder, genauer gesagt, seine Spielhöhle, in die er sich mit vierundfünfzig anderen Datenanalysten aus aller Welt verkroch, vier Mal so viel wie in der vorhergehenden Schlacht.

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