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Big Data : Wer hat die privaten Daten verraten?

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Die merkwürdige Regelmäßigkeit des Verhaltens individuell freier Subjekte bringt einerseits das Konzept der Subjektivität als Individualprinzip zu Fall. Andererseits ist es genau ihr Ausgangspunkt. Subjekte dürfen nur frei sein, wenn sie auch vernünftig sind. Die wichtigsten Vernunftgeneratoren in der Geschichte der westlichen Moderne waren Professionelle wie Ärzte und Juristen, Lehrer, Professoren und Sozialplaner, die Polizei und das Strafsystem.

Jene, die wissen, wie der Hase läuft

Nicht zufällig sind das die Instanzen, die ihre eigene Vernünftigkeit, ihre eigenen Kriterien, ihre Handlungsanweisungen und ihr Expertenwissen den Big Data statistischer Ämter, wissenschaftlicher Erhebungen und nicht zuletzt dem machtvollen „Zuhören“ verdanken. Sie verfügten bereits über digitale Daten, und ihre Professionalität bestand darin, dieses Wissen in analoge Handlungsanweisungen zu übersetzen, die Klienten zu vernünftigen Menschen gemacht haben - sich um ihre Gesundheit sorgende Patienten, sich an normative Regeln haltende Rechtssubjekte, sich der resozialisierenden Strafe aussetzende Bestrafte, Schüler mit Motivation zu guten Leistungen und so weiter.

Zum Normallebenslauf der klassischen Moderne gehören eine beschützte Kindheit, lange Ausbildungsphasen, Arbeitsmotivation um ihrer selbst willen, Wille zur Karriere und zur Familiengründung, Loyalität demokratischen Entscheidungen gegenüber, ein Gemeinschaftsgefühl einer Solidarität unter Fremden. All das ist nicht einfach da. Es muss von jenen moralisch und mit professioneller Güte und Vernunft, aber auch Härte und Strenge gefordert werden, die wissen, wie der Hase läuft - von jenen nämlich, die Zugang zu Big Data haben.

Wer nichts gesteht, gehört nicht mehr zu uns

Freilich unterscheiden sich die heutigen Big-Data-Strategien von den klassischen seit der Sozialphysik und der Sozialstatistik des 19. Jahrhunderts. Hatten diese Strategien im Sinne des Sozialphysikers Adolphe Quetelet den homme moyen, den Durchschnittsmenschen, im Blick, sind neue Big-Data-Strategien an Einzelfällen beziehungsweise Sondergruppen interessiert. Die Rekombinationsfähigkeit von Daten lässt Rückschlüsse auf individuelle Profile zu - also auf individuelle Kreditwürdigkeit, Versicherbarkeit oder Ähnliches.

Die eigentliche Ironie freilich besteht darin, dass inzwischen ein Großteil dieser Daten nicht einfach unintendierte Spuren sind, die tatsächlich nachgerade unvermeidbar sind, wenn man nicht auf die üblichen Kulturtechniken verzichten will. Foucault hatte beschrieben, die Macht liege nun bei denen, die schweigen und beobachten, nicht bei denen, die sprechen und über sich Auskunft geben. Über sich selbst Auskunft zu geben ist aber eine der Praktiken, die im Netz immer mehr gepflegt werden.

Das Selbstmonitoring des Gesundheitsverhaltens wäre ein solches Beispiel, ein anderes wären die Selbstauskünfte über den eigenen Alltag, über den eigenen Standort und so weiter in Social Networks oder aber die permanente Kommentierung von allem Möglichen im Netz. Die Ironie besteht darin, dass es sich dabei nur um eine aufgrund neuer technischer Möglichkeiten erweiterte, aber strukturell durchaus ähnliche Form handelt wie das von Foucault so genannte Geständnis. Selbstauskünfte sind subjektbildend - und sie machen das Individuum sichtbar und kalkulierbar.

Welche Privatheit wollen wir nun retten? Es dürfte reichlich naiv sein, so etwas wie eine unbeobachtbare, authentische, autonome Privatheit retten zu wollen - diese hat es nie gegeben. Private Lebensformen waren stets auch das Resultat von Überwachungs- und Geständnistechniken, und es waren diese Techniken, die das Bild der autonomen privaten Person erst ermöglicht haben. Vielleicht kann man von embedded privacy sprechen, zumal der Zwang von außen keineswegs als unmittelbarer Zwang erlebt wurde.

Die heutige Gefährdung privater Lebensführung durch Big Data ist ganz ähnlich wie frühere Praktiken zugleich ihre Ermöglichung. Denn gerade in der Generation der sogenannten Digital Natives sollte man die Praktiken des Hinterlassens von Spuren im Netz nicht einfach als Anomalie, Betriebsunfall oder Abweichung ansehen. Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Matrix des Netzes eine ähnliche Erweiterung der eigenen Person geworden ist, wie es zuvor autoritative Sprecher und Expertenkulturen waren, die auch eine Art Netz über die Gesellschaft gelegt haben und Fremdbestimmung für Selbstbestimmung ausgegeben haben.

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