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Betrug beim „Spiegel“ : Ein Geschichtenerzähler fliegt auf

Das Spiegel-Verlagsgebäude an der Hamburger Ericusspitze. Bild: AFP

Der „Spiegel“ wartet mit einer Enthüllung in eigener Sache auf: Ein Redakteur hat massive journalistische Fälschungen begangen. Er schrieb früher auch für andere. Das Ausmaß des Falls ist beachtlich.

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          Vor knapp drei Wochen war der „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius noch ganz oben. Denn da gewann er den Deutschen Reporterpreis 2018 für die „beste Reportage“. Jetzt ist Claas Relotius ganz unten. Denn an seiner Geschichte „Ein Kinderspiel“, die von einem syrischen Jungen handelt, der glaubt, er trage wegen eines Streichs Mitschuld am Krieg in seinem Land, ist „vieles wohl erdacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake“, schreibt Ullrich Fichtner, designierter Chefredakteur des „Spiegels“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und es ist nicht die einzige Fälschung, die der „Spiegel“ dokumentiert. Knapp sechzig Texte habe Relotius seit 2011 im Magazin und bei „Spiegel Online“ veröffentlicht, mindestens vierzehn seien zumindest teilweise gefälscht, wie der Journalist inzwischen zugegeben habe.

          Auf die Spur ist der „Spiegel“ Relotius gekommen, weil er, wie Ullrich Fichtner schreibt, „eine gefälschte Geschichte zuviel“ ablieferte. Diese flog auf, weil Relotius in dem „Spiegel“-Reporter Juan Moreno einen Koautor hatte, der den „Quatsch“ nicht mitmachte, Alarm schlug und „Fakten gegen Fiktionen“ sammelte zu der Reportage „Jaegers Grenze“ über eine amerikanische Bürgerwehr, die im November im „Spiegel“ erschien. Anfangs, schreibt Ullrich Fichtner, sei Moreno gegen Wände gerannt und auf Misstrauen gestoßen. Doch schließlich habe sich sein Verdacht bestätigt, Ende vergangener Woche habe Claas Relotius Fälschungen eingestanden.

          Es habe sich herausgestellt, dass er „ganze Passagen“ der Reportage frei erfunden habe, dies betreffe nicht nur die Geschichte „Jaegers Grenze“, sondern viele Texte. Claas Relotius, heißt es bei „Spiegel Online“, habe „mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie getäuscht“. Er habe „viele der Protagonisten nie getroffen oder gesprochen, von denen er erzählt und die er zitiert“. Seine Schilderungen stützten sich seinen Angaben zufolge „auf andere Medien und Filmaufnahmen. So entstanden Charakter-Collagen real existierender Figuren, denen Relotius zusätzlich eine fiktive Biografie andichtete. Außerdem erfand er Dialoge und Zitate.“

          Er habe sich die Dinge einfach zusammengesucht „und aus den Teilen und Splittern und Fetzen und Krümeln“ wie „ein verspielter kleiner Gott“ seine „Kreaturen“ geschaffen, schreibt Ullrich Fichtner. So habe Relotius alle blenden können – Chefredakteure, Ressortchefs, Kollegen, die Dokumentation des „Spiegels“ und Freunde, die Mitglieder von Preisjurys hätten sich „verzückt über seine Texte gebeugt“.

          Geschrieben hat Relotius, der vor anderthalb Jahren Redakteur beim „Spiegel“ wurde, als freier Autor zuvor auch für andere, für „Cicero“, „Financial Times Deutschland“, „NZZ am Sonntag“, „Tagesspiegel“, „taz“, „SZ-Magazin“, „Welt“, „Welt am Sonntag“, „Weltwoche“, „Zeit online“ und für die in diesem Verlag erscheinende „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. In der Sonntagszeitung wurden drei Texte von Relotius publiziert. Einer, im Oktober 2011, handelte von einem Blogger, der über den Drogenkrieg in Mexiko berichtete. Im zweiten Text, im Mai 2013, ging es um einen jungen Mann namens Shin Dong-hyuk, dem es gelang, aus einem nordkoreanischen Konzentrationslager zu fliehen. Shin Dong-hyuk schrieb darüber ein Buch mit dem Titel „Flucht aus Lager 14“. Im Juli 2013 erschien ein Interview von Relotius mit dem ehemaligen Gefängniswärter von Nelson Mandela, Christo Brand, der ebenfalls ein Buch geschrieben hat („Mein Gefangener, mein Freund Mandela“). Die Echtheit der Interviewten und des Blogs, auf dem über die mexikanische Drogenmafia berichtet wurde, ist verbürgt. Ein Hinweis auf Fälschungen hat sich bislang nicht ergeben, der Sachverhalt wird weiter überprüft.

          Bei Relotius Texten handelt es sich zumeist um Reportagen aus aller Welt oder um Interviews mit Prominenten und Menschen, deren Schicksal gerade von besonderem Interesse ist, an deren Beispiel man eine große Geschichte im Kleinen erzählen kann, deren Botschaft gleich ankommt – wie die des syrischen Jungen, der glaubt, er sei schuld am Krieg.

          Wie schmerzlich der Fall für den „Spiegel“ und wie bedeutend er für das Selbstverständnis der Redaktion ist, merkt man der umfangreichen und detaillierten Darstellung in eigener Sache an. Der „Spiegel“ bittet sogar um Hinweise auf mögliche Fälschungen in den Texten von Relotius. Die Redaktionsleitung werde eine Kommission einsetzen, die den Hinweisen nachgehe, die Erkenntnisse und Empfehlungen für bessere journalistische Absicherung werde man dokumentieren und eine transparente Nachforschung leisten.

          Erst dreiunddreißig Jahre ist Claas Relotius alt. Er machte sich als Autor schnell einen Namen, wurde früh beim „Spiegel“ eingestellt und – mit Preisen bedacht. Die Geschichte seiner Geschichten aber erinnert an diejenige des freien Journalisten Tom Kummer. Der machte in den neunziger Jahren mit für zunächst großartig gehaltenen Stücken und Interviews aus der Welt Hollywoods auf sich aufmerksam, von denen sich dann herausstellte, dass er sie anderswo abgekupfert oder erfunden hatte. Claas Relotius habe sein Büro geräumt und seinen Vertrag gekündigt, teilt der „Spiegel“ mit.

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