https://www.faz.net/-gqz-8ktwm

Neue TV-Serie „4 Blocks“ : Tony wohnt jetzt in Neukölln

Ihre Blocks: Tony (Kida Khodr Ramadan, links), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel) unterwegs in Berlin-Neukölln. Bild: TNT/Wiedemann&Berg

Die Serie „4 Blocks“ handelt von einem libanesischen Clan in Berlin. Sie verspricht, dem deutschen Fernsehen ganz neue Perspektiven zu öffnen. Ein Besuch am Set.

          Das deutsche Fernsehen ist auf der Suche nach der Zukunft ziemlich viel herumgekommen in den vergangenen Jahren, es ist tief in die Provinz gereist, in die pfälzische Winzer-Idylle („Weinberg“) und in die hessische Spießerhölle („Morgen hör’ ich auf“) und immer wieder in die Vergangenheit, nach „Deutschland 83“, zum „Ku’damm 56“, demnächst geht’s nach Berlin 29, in die Welt von Volker Kutschers Kriminalkommissar Gereon Rath. Nun scheint es endlich auch in der Gegenwart angekommen zu sein, in Berlin-Neukölln, im weltberühmten sogenannten Problemkiez, an einem Ort also, der als Schauplatz einer Fernsehserie so offensichtlich geeignet ist, dass Autoren und Produzenten vielleicht gerade deshalb so lange mit offenen Augen daran vorbeigingen. Seit ein paar Wochen drehen die Produktionsfirma Wiedemann & Berg und der Pay-TV-Sender TNT Serie dort nun „4 Blocks“, eine sechsteilige Serie über einen libanesischen Clan, über eine jener Banden des organisierten Verbrechens, die glauben, dass das Viertel ihnen gehört und nicht den Biodeutschen oder der Internationale der Hipster, die die Probleme dieses Kiezes eher für Folklore halten.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An jeder Ecke findet man hier ein Klischee, aber dahinter eben auch seine Widerlegung. Man muss dazu an diesem Dienstag, an dem der Sender ein paar Journalisten in das „Café Übersee“ am Landwehrkanal eingeladen hat, nur ein paar Zimmer weiter ziehen, in das kurzfristig zum Vorführraum umfunktionierte Wohnzimmer des Wirtes Firat Aygül, geboren in Stuttgart, berühmt für seine Kässpätzle. Ein großer Fernseher steht darin, ein Sofa und Dutzende religiöse Devotionalien - und zwar in Form von Buddha-Statuen.

          Allerbeste Freunde

          Das „Café Übersee“ ist gewissermaßen die inoffizielle Zentrale der Produktion, das Stammlokal der Schauspieler Kida Khodr Ramadan und Frederick Lau, ihre „Base“, wie sie es nennen. Ramadan spielt Ali Hamady, genannt Tony, den Clanchef, der seine kriminellen Geschäfte hinter sich lassen will, Lau spielt Vince, einen etwas undurchsichtigen Deutschen, der um Tonys Gunst kämpft und dabei mit dessen jüngerem Bruder Abbas konkurriert. Lau, der Junge aus Steglitz, und Ramadan, der libanesische Kurde aus Kreuzberg, haben sich bei den Dreharbeiten für den Film „Ummah - Unter Freunden“ kennengelernt, der ebenfalls hier im Viertel spielt. Seitdem sind sie die allerbesten Freunde. Und wenn sie einem später gegenübersitzen, in einer Drehpause in einer Shisha-Lounge in Neukölln, dann kommen sie einem zwar natürlich nicht wie Kriminelle vor; aber dass ihnen die Typen, die sie darstellen, nicht ganz fremd sind, dass sie das Game, das sie hier spielen, nicht nur aus dem Fernsehen kennen, das merkt man schon. Er sei, sagt Ramadan, mit ihnen aufgewachsen, bis sich in der Pubertät eben die Weichen stellten, ob einen der Weg in die Kriminalität führte. Oder, wie in seinem Fall, zur Kunst, weil er das seltene Glück hatte, in einem Sommercamp für Jugendliche vom Regisseur Neco Çelik entdeckt zu werden, in dessen Film „Alltag“ er 2002 debütierte.

          Welche Rolle spielen sie in der Clan-Geschichte? Almila Bagriacik und Frederick Lau.

          Wie es zu solchen Biographien kommt, warum die Familienstrukturen gerade unter den libanesischen Migranten, die in den 1970er Jahren nach Berlin gekommen sind, so mächtig geworden sind, auch das will diese Serie schildern. Drei Jahre lang haben die Autoren Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort (die auch die Bücher für die Amazon-Serie „Wanted“ geschrieben haben) recherchiert. Sie haben mit Polizisten und Sozialarbeitern gesprochen, am Ende auch mit Clanmitgliedern und, wodurch sie vielleicht am meisten gelernt haben, mit deren Frauen. Was nicht bedeutet, dass „4 Blocks“ eine sozialkritische Bildungsserie werden soll. Sondern vor allem darauf hindeutet, dass die Autoren ganz gut wissen, dass so eine Serie von Figuren getragen wird, die nicht 24 Stunden am Tag Gangster sind. Von Figuren wie Tony, der nicht nur gegen seine Konkurrenten kämpft oder gegen das Gesetz. Sondern eben auch jahrelang um einen Aufenthaltstitel, der ihm ein bürgerliches Leben ermöglichen würde.

          Macht „viel über die Augen“, sagt der Regisseur

          Wie wichtig ihnen die Authentizität der Serie ist, betonen am Set alle Beteiligten. Und man merkt, dass es ihnen dabei nicht einfach darum geht, dass die Figuren möglichst oft „Alter“ sagen. Sondern eher darum, dass die Schauspieler die Drehbuchsätze der deutschen Autoren im Zweifelsfall in den korrekten Sound der Straße übersetzen (dass sie also zum Beispiel nicht vom „Dope“ sprechen, sondern vom „Material“). Noch wichtiger aber ist, dass viele Schauspieler ihr Leben lang Gelegenheit hatten, den Habitus ihrer Figuren zu studieren. Regisseur Marvin Kren, sagt Ramadan, habe ihnen nahegelegt, „viel über die Augen“ zu machen, und schaut einen dabei so an, dass man sofort versteht, was er meint.

          Bitte recht bedrohlich: Das Ensemble von „4 Blocks“ macht etwas her.

          Kaum jemand verkörpert dieses Wissen besser als der Rapper Veysel, der Tonys Bruder Abbas spielt und der schon beim Casting für die Rolle in seinem ersten Film sofort alle umgehauen hat. Und es ist eben nicht allein seine Biographie, der er die Rolle als harter Junge verdankt: Dass Veysel drei Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge im Gefängnis saß, macht ihn noch nicht zum guten Schauspieler. Authentisch ist vor allem jemand, der eine Rolle besonders überzeugend spielt. Jemandem wie Veysel muss man dabei sicher nicht erklären, dass auf der Bühne, auf der er groß geworden ist, ein Talent zur Selbstdarstellung vielleicht die wichtigste Waffe ist. Für Regisseur Kren liegt in dieser Verflechtung von Fiktion und Wirklichkeit ein besonderer Reiz: Mit Darstellern zu arbeiten, welche Gangster spielen, die Filme nachspielen. Wie jenes Clanmitglied, das den Autoren erzählte, dass er sich regelmäßig „Der Pate“ anschaut. Oder eben wie Ali, der sich „Tony“ nennt, wobei erst einmal offenbleibt, ob er Tony Montana meint oder Tony Soprano.

          Ob es ausgerechnet einer Dramaserie gelingen kann, den Zuschauern die Tür zu einer Welt zu öffnen, die viele von ihnen nur aus den Schlagzeilen des Boulevards kennen, das kann man sicher nicht aus den Absichtserklärungen der Beteiligten ableiten, so überzeugend sie auch klingen. Aber immerhin reicht ein Besuch am Set, um erst einmal an das Versprechen zu glauben, das die Gespräche formulieren, der Witz der Schauspieler und die Bilder aus dem ersten kurzen Trailer: Dass es gelingen könnte, eine deutsche Geschichte zu erzählen, die auch Zuschauer in anderen Ländern interessiert, eine Story, die sich auf vier Berliner Blocks beschränkt, aber deshalb noch lange nicht in der Provinz verliert. Stolze vier Millionen Euro lässt sich der Sender die Serie kosten, auch weil er glaubt, dass sie sich international sehen lassen kann. In dem Milieu, in dem es spielt, unter deutschen Rappern und wohl auch bei den Clans, die die Dreharbeiten mitverfolgen, sorgt die Serie jedenfalls schon heute für Gesprächsstoff. Und auch die Debatte über die glorifizierende Wirkung der Serie kann man von weitem fast schon sehen. Dabei könnte ihre Vorbildfunktion vor allem darin bestehen, dass jugendliche Migranten in Neukölln von ihr vor allem eines lernen: Wie attraktiv es sein könnte, den Gangster nur zu spielen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.