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Bestes Fernsehen : Es geht um Welt und Würstchen

„Schwarmintelligenz“ sei das Geheimnis der Sendung, sagen ihre Macher, die hier lümmelnd produktiv sind Bild: Schmitt, Tobias

Ist doch quatsch, dass Weltoffenheit nur aus Metropolen kommt: „quer“, das beste Magazin im deutschen Fernsehen, kommt aus Bayern und beweist, dass man auch mit Lokalgeschichten das große Ganze erklären kann. Wie machen die das?

          Doch, das geht: kluges, lustiges, überraschendes öffentlich-rechtliches Fernsehen, das aus der Provinz berichtet, aber dabei immer auch von der weiten Welt drum herum erzählt. Fernsehen, auf das man sich freut und für das man sich den Termin freihält: donnerstags abends, Viertel nach acht. Und das die Distanz wahrt zu den politischen Lagern, zu breitgetretenen Meinungen, zu den Standards, an die man sich irgendwann gewöhnt, ob man will oder nicht, wenn man öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Sendung, um die es hier geht, heißt „quer“ und läuft im Bayerischen Rundfunk, seit sechzehn Jahren schon, Woche für Woche, fünfundvierzig Minuten lang, moderiert von Christoph Süß.

          Seit einiger Zeit kann man ja die Regionalprogramme der Länder auch dann empfangen, wenn man dort nicht wohnt. Doch selbst wenn man beim Durchschalten am Ende in Sendungen wie „Singende, klingende Eifel“ oder „Die schönsten kochenden Adelsfrauen des Herzogtums Lauenburg“ landet: Es bringt einen dazu, mit Ressentiments aufzuräumen. Zum Beispiel damit, dass Weltläufigkeit ein reines Großstadtphänomen sein soll und auf dem Land der Dumpfsinn zu Hause ist. Dass Hamburg und Berlin amtliche Großstädte sind, das kann man an ihren gemütlichen Hauptnachrichten (maritim mit Goldrand das „Hamburg Journal“, boulettensenfgrau die „Abendschau“ im RBB) jedenfalls nicht immer erkennen.

          Der Rest der Welt beginnt vor der eigenen Tür

          Dabei kann natürlich auch der Lokaljournalismus großformatig sein und weltläufig: Wenn er sich nämlich traut, den Zuschauer ernst zu nehmen. Und die Redaktion daran festhält, aus dem, was sich vor ihrer Tür ereignet, die Tragweite für den Rest des Landes und der Welt abzuleiten - oder zu zeigen, dass dieser Rest der Welt eben immer direkt vor der eigenen Tür beginnt.

          Das bayerische Lokalmagazin „quer“ hat mal einen Beitrag über Nürnberger Bratwürste gedreht, zwei Jahre ist das her: Die Würste drohten damals nämlich teurer zu werden, weil Nürnberger Metzger sie für gewöhnlich in iranische Schafsdärme füllen und diese Därme wiederum im Zuge der Wirtschaftssanktionen gegen Iran auch immer teurer wurden. Also zog ein Team von „quer“ los und sammelte Stimmen und Bilder.

          Die Reportage war typisch für die Handschrift des Magazins: Sie war auf den ersten Blick lustig, was ja hilft, um dranzubleiben, erklärte auf den zweiten aber komplexe Zusammenhänge der Globalisierung, sie sprach im Dialekt (einer der Metzger sagte im herrlichsten Fränkisch, diese Schafsdarmsache sei halt „Weltpolitik, aufs Kleinste herunnergebrrochen“), und sie diskreditierte bei allem Sinn für die Absurdität der Story trotzdem nicht, was für ein Glück es ist, so eine Nürnberger Bratwurst zu verspeisen. Oder sieben.

          Der neue Wiesnwirt, den die alten nicht so mögen

          In den letzten drei Ausgaben ging es bei „quer“: um die eingestellten Ermittlungen gegen Ärzte, die Abrechnungsbetrug mit Laboruntersuchungen betrieben haben sollen; „quer“ hatte sich schon vor einiger Zeit um den Fall und die Rolle der bayerischen Justiz gekümmert. Es ging um den neuen Münchener Wiesnwirt Siegfried Able, den die alten Wiesnwirte nicht so mögen. Um Fußgänger, die auf ihr Handy starren und den Verkehr und sich selbst damit gefährden. Um den Ausbau einer Bundesstraße zwischen Regensburg und Rosenheim, über dessen wahres Ausmaß die Bevölkerung offenbar im Unklaren gelassen wurde.

          Und um Conchita Wurst, Wladimir Putin, Gerhard Schröder und immer wieder um Horst Seehofer, den bayerischen Überministerpräsidenten und seine schillernde Meinungsflexibilität. Seehofer taucht, imitiert vom Kabarettisten Wolfgang Krebs, seit Jahren in den letzten Minuten der Sendung auf, als Politriese ohne Kopf.

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