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Bespitzelungsburleske : Die Wertegemeinschaft der Bäckereikunden

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Wie es richtig geht, könnten die Spitzel in diesem Buch erfahren: Kästners „Emil und die Detektive” Bild: Dressler

Emil und seine Detektive hätten wohl mehr herausbekommen als die Agentur, die für die „Bunte“ Politikern hinterherschnüffelte. Aber nach der Berliner Bespitzelungsburleske bleibt eine Frage offen.

          Auf stern.de berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter der Agentur CMK, die im Auftrag der „Bunten“ etwas über Politiker herausfinden sollte, wie man das macht. Der Mann hatte die heiße Info, dass Franz Müntefering „in verschiedenen Läden auftaucht und sich dort Brötchen holt beziehungsweise Zeitungen“. Dann ist er eben auch in diese Läden rein und hat nach dem berühmten Nachbarn gefragt. Weil das nichts brachte - Berliner Bäcker geben bekanntlich gar nichts zu, nicht mal, dass sie etwas verkaufen -, hing er so lange auf dem Spielplatz des Wohnblocks herum, bis Müntefering mal aus dem Haus kam. Und wie hat der Nachfahre von Bernstein und Woodward nun herausbekommen, was auch immer er herausbekommen wollte? Gar nicht, so der Lehrfilm von stern.de weiter, denn bei so einer hochgeheimen Recherche sei man ja quasi „verbrannt“, wenn man „sein Gesicht zeigt“ in einem Laden und nach der Adresse Franz Münteferings fragt.

          Aha. Womöglich sollten sich zunächst nicht der Presserat und die Gerichte mit der Bespitzelungsburleske befassen, sondern die Buchhaltung des Burda-Konzerns. Emil und seine Detektive hätten mehr herausbekommen als diese Spitzenagentur. Zum Glück haben sich diese Clownereien selbst erledigt, aber eine Frage bleibt, die die Fälle der vergangenen Woche verbindet, nämlich die nach der öffentlichen Relevanz privaten Verhaltens.

          Die Grundrechte politischer Akteure meistbietend verkauft

          Schlecht beraten war die Chefredaktion der „Bunten“, als sie sich verteidigte. Eine schlichte Entschuldigung wäre besser gewesen als diese Mischung aus Anwürfen gegen den „Stern“ und dem beidhändigen Griff in die Moralorgel. Aber wenigstens gibt es nun eine Diskussionsgrundlage. Nach Auffassung der „Bunten“ sind Politiker „Leitfiguren unseres Wertesystems“, deren privates Verhalten sich auf die „Moral der Gesellschaft“ auswirkt und damit „unter Umständen auch auf politische Entscheidungsprozesse“. Dann hängt die transatlantische Wertegemeinschaft und das Wohl der Republik an der Treue Oskar Lafontaines? Da wird es nicht nur manchem Saarländer ganz anders.

          Das Argument ist deshalb so gefährlich, weil es zwei Sphären vermischt, die besser getrennt blieben. Denn sonst passiert zweierlei: Das Private von Politikern wird zur Geschäftsgrundlage für Bäckerbefrager der unsympathischen Sorte, die Grundrechte politischer Akteure werden meistbietend verkauft, was neben allem anderen auch für die Rekrutierung demokratischen Personals fatal ist. Noch weitreichender ist aber die andere Seite der Sache: Indem solche Berichte nicht bloß als kleine Klatschnachrichten, sondern als das große aktuelle Thema der Zeit präsentiert werden, wird die Öffentlichkeit über die Relevanz solcher Fragen schlicht getäuscht. Die Berichterstattung verstärkt sich selbst: Kaum ein privater Skandal endet heutzutage ohne Riesen-Drängel-Pressekonferenz und am besten noch anschließendem Klinikaufenthalt, für alle menschlichen Sonderbarkeiten ist ja auch schon eine Krankheit erfunden worden.

          Das Publikum kann sehr wohl unterscheiden zwischen Quatsch und Leistung

          Das öffentliche Leben wird zu einer permanenten Sitzung nach dem Vorbild der Anonymen, nun aber eben prominenten Alkoholiker. Dieses Drama aus Sünde und öffentlichem Schuldgeständnis, Rücktritt und Reinigung wurde auch um Margot Käßmann inszeniert. Dabei war ihre Trunkenfahrt zwar ein potentieller Anschlag auf die körperliche Unversehrtheit ihrer Mitmenschen, aber nicht auf die Wertegemeinschaft. Jeder, auch Frau Käßmann, teilt den Wert der Nüchternheit am Steuer. Dennoch handeln Menschen nicht immer nach ihren Werten, genau dort beginnt doch das Feld von Philosophie und Religion. Warum musste dieser kurze und folgenlose Rausch, über das Verkehrsgericht hinaus, auch sämtliche Medien auf allen Kanälen beschäftigen und zur Aufgabe eines Amtes führen, das doch die Fehlbarkeit des Menschen zum Thema hat? Wer am frühen Mittwochmorgen aus dem Ausland zurückkam und auf die Zeitungswand eines großen Bahnhofs blickte, musste annehmen, Margot Käßmann habe den Klimawandel gestoppt, die Schulden des Bundes beglichen und den Eurovisions-Chansonwettbewerb gewonnen, und zwar auf Schlittschuhen, wofür es Gold in Vancouver gab.

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