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Bertelsmann : Ein Film, den wir nicht sehen dürfen

Verfilmtes Leben: Reinhard Mohn Bild: AP

Über den Kreis von sechshundert Managern hinaus werden diesen Film wohl nicht viele sehen: Das Porträt über und mit Reinhard Mohn, Grandseigneur einer Familienfirma namens Bertelsmann.

          Sebastian Koch spielt Reinhard Mohn. Und wenn man denen, die den Film gesehen haben, glauben darf, macht er seine Sache so gut, wie man es von ihm gewohnt ist. Im deutschen Fernsehen gibt es keinen zweiten Schauspieler, der Figuren der jüngeren Zeitgeschichte dieses Landes so zu verkörpern weiß wie Sebastian Koch. Er hat Stauffenberg gespielt, Albert Speer, Klaus Mann und Richard Oetker, in „Das Leben der Anderen“ sahen wir ihn gerade im Kino sowie vor fünf Jahren in dem großen Fernsehzweiteiler „Der Tunnel“. Bei diesem Film führte Roland Suso Richter Regie. Und er ist es auch, der den Film über Reinhard Mohn, den Wiederbegründer von Bertelsmann, inszeniert hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Man muss wissen, dass es sich hierbei um einen sehr persönlichen Film handelt, für das große Publikum ist er nicht bestimmt. Es ist ein Film über Reinhard Mohn, mit Reinhard Mohn und von Reinhard Mohn. Eine Bilanz und ein Vermächtnis. Über die sechshundert Manager hinaus, die sich in den vergangenen zwei Tagen in Berlin zum Bertelsmann-Führungskongress getroffen haben, werden den Film wohl nicht viele sehen. Was verständlich, aber schade ist, denn das Stück ist dem Vernehmen nach sehr gelungen. So persönlich, sagen einem Zuschauer, hätten sie Reinhard Mohn, der große Auftritte in der Öffentlichkeit meidet, noch nicht erlebt. Als der Film vorüber war, gab es einen Moment des Innehaltens, dann kam großer Applaus, insbesondere die amerikanischen Bertelsmänner sollen begeistert gewesen sein.

          Idee vom Vorstandschef

          Hätten die Anwesenden anderes berichtet, als dass sie einen emotional packenden, persönlichen Film gesehen haben, hätte einen das gewundert. Denn es produziert Nico Hofmann von der Firma Teamworx, die eine Tochtergesellschaft der Ufa ist, die wiederum Bertelsmann gehört. Und Regie führt, wie gesagt, Roland Suso Richter - die beiden haben beim „Tunnel“ und das letzte Mal bei dem Monumentalfilm „Dresden“, der im ZDF lief, zusammengearbeitet.

          Sie für diesen Film zu gewinnen bedurfte keiner großen Überredung. Die Idee hatte der Vorstandschef Gunter Thielen, im Gespräch mit dem Produzenten Hofmann und immer wieder mit Reinhard Mohn selbst nahm das Projekt Konturen an, das der Bertelsmann-Vorstand dem Patriarchen zu dessen 85. Geburtstag im vergangenen Sommer zudachte. Mohn selbst soll zunächst skeptisch gewesen sein ob des Aufwands. Doch dann willigte er ein, fand einen Draht zu dem Regisseur Richter, zu Sebastian Koch und zu der Drehbuchautorin Andrea Stoll. Mohn bekam sogar zusehends Spaß an der Sache.

          Spielfilmtaugliche Kulisse

          Doch was haben die sechshundert in Berlin gesehen, die sich versammelt hatten, um dem designierten neuen Vorstandschef Hartmut Ostrowski zu lauschen, der angeblich eine kraftvolle Rede hielt? Sie sahen Sebastian Koch als Reinhard Mohn, als hageren jungen Mann in einem Militärmantel, der auf einem Trümmerhaufen in Gütersloh steht und Mitarbeitern Mut macht. Der versteht, dass seine Leute im kalten Nachkriegswinter Kohle aus dem Betrieb mitgehen lassen, damit die Familie zu Hause nicht friert, ihnen aber klarmacht, was auf dem Spiel steht: Wenn die Firma nicht läuft, gibt es gar kein Auskommen mehr, nicht für sie und nicht für ihre Familien.

          Solche Szenen spielt Sebastian Koch in einer spielfimtauglichen Kulisse. Doch den Ton gibt Reinhard Mohn vor. Die Drehbuchautorin Andrea Stoll hat Interviews mit Mohn über mehr als zehn Stunden geführt und daraus ihr Drehbuch entwickelt. Woran Mohn sich erinnert, woran er sich erinnern will, was ihm wichtig ist, wodurch er sich erklärt, darum gehe es in diesem Film, erfährt man von Zuschauern. Also geht es um viele Dinge auch nicht und tauchen viele, die für Bertelsmann wichtig waren, nicht auf. Kein Gerd Schulte-Hillen, kein Mark Wössner, kein Thomas Middelhoff. Es geht nicht um die historische Kommission, die erst auf öffentlichen Druck hin die Vorgeschichte von Bertelsmann aus der Zeit des Dritten Reiches zureichend beschrieb. Es geht nicht um Gruner + Jahr und nicht um RTL. Und auch die Familiengeschichte, die mit der Geschichte des Unternehmens verwoben ist, wird in großen Schnitten geschildert. Mohn erinnert sich, wie er seine Frau Liz kennenlernte, von seiner ersten Frau Magdalene ist nicht die Rede.

          Die Tugenden eines Offiziers

          Dafür geht es um Episoden aus mehr als drei Jahrzehnten, in denen Mohn sein Unternehmen führte, bevor andere an die Spitze des Vorstands traten. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, um den Aufbau des Unternehmens und des Landes, um die Buchclubs, um Reisen nach Japan, um den Kauf des ersten amerikanischen Verlags, Bantam Books, und die persönliche Begegnung mit dessen jüdischem Chef Oscar Dystel, um das Engagement in Israel und die Bertelsmann-Stiftung, um die Frage, welche Qualiäten man haben muss, um andere zu führen, und die Tugenden eines preußischen Offiziers, von denen Helmut Schmidt im Interview spricht. Der ehemalige Vorstand Manfred Lahnstein erzählt, wie Mohn einmal seine Spitzenleute aus dem Vorstand zu einem Essen in ein Restaurant im westfälischen Hinterland einlud und jedem zum Dessert zehn Aufnahmescheine für den Bertelsmann-Buchclub in die Hand drückte, auf dass sie mal zeigten, wer am schnellsten neue Kunden gewinne. Der spätere Vorstandschef Wössner entschied die Sache für sich, er war in die Küche gelaufen und hatte neun „Scheine gemacht“, angeblich hatte er dem Personal Rabatt versprochen.

          Nur wenigen bekannt sein dürfte die Geschichte von Mohn und seinem Geschäftspartner in Paris, Sven Nielsen, der den Verlag Presse de la Cité führte. Die beiden vertrauten einander, doch überraschte es Mohn schon, dass ihn Nielsen ausgerechnet einen Tag vor Heiligabend - als er mit der Familie in der Schweiz war - auf sein Château einlud. Mohn kam, hatte eine gute Zeit - und reiste wieder ab. Warum er hatte kommen müssen, hatte er zu fragen nicht gewagt. Drei Tage später erreichte ihn die Nachricht, dass Nielsen tot sei. Er war unheilbar krank und hatte sich das Leben genommen. Der Abend mit Mohn war einer seiner letzten.

          Kann man sich vorstellen, dass der kühle Bertelsmann-Patriarch eine solche Geschichte erzählt? Auf die Zuschauer hatte das wohl Wirkung. Und man kann sich denken, was es ihnen zur jetzigen Lage des Unternehmens sagt: Bertelsmann ist und bleibt ein Familienunternehmen, mögen auch 88.000 Menschen darin wirken und mag der Jahresumsatz jenseits von zwanzig Milliarden Euro liegen. Der Konzern ist verschuldet, weil man die Aktien des Teilhabers Albert Frère für 4,5 Milliarden Euro zurückgekauft hat, um zu verhindern, dass dieser an die Börse geht. Für das Geschäft ist das schlecht. Für die Mohns aber ist anderes wichtiger. Erst komme die Familie und dann sofort die Mitarbeiterschaft, soll Liz Mohn im Film sagen. Die Firma, so wird allen klar, ist die Familie und umgekehrt. Er sei davon überzeugt, dass Menschlichkeit stärker sei als der Kapitalismus, soll Reinhard Mohn am Ende des Film sagen. Dann geht der Fünfundachtzigjährige seiner Wege, durch Wald und Heide.

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