https://www.faz.net/-gqz-u9mc

Bertelsmann : Ein Film, den wir nicht sehen dürfen

Solche Szenen spielt Sebastian Koch in einer spielfimtauglichen Kulisse. Doch den Ton gibt Reinhard Mohn vor. Die Drehbuchautorin Andrea Stoll hat Interviews mit Mohn über mehr als zehn Stunden geführt und daraus ihr Drehbuch entwickelt. Woran Mohn sich erinnert, woran er sich erinnern will, was ihm wichtig ist, wodurch er sich erklärt, darum gehe es in diesem Film, erfährt man von Zuschauern. Also geht es um viele Dinge auch nicht und tauchen viele, die für Bertelsmann wichtig waren, nicht auf. Kein Gerd Schulte-Hillen, kein Mark Wössner, kein Thomas Middelhoff. Es geht nicht um die historische Kommission, die erst auf öffentlichen Druck hin die Vorgeschichte von Bertelsmann aus der Zeit des Dritten Reiches zureichend beschrieb. Es geht nicht um Gruner + Jahr und nicht um RTL. Und auch die Familiengeschichte, die mit der Geschichte des Unternehmens verwoben ist, wird in großen Schnitten geschildert. Mohn erinnert sich, wie er seine Frau Liz kennenlernte, von seiner ersten Frau Magdalene ist nicht die Rede.

Die Tugenden eines Offiziers

Dafür geht es um Episoden aus mehr als drei Jahrzehnten, in denen Mohn sein Unternehmen führte, bevor andere an die Spitze des Vorstands traten. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, um den Aufbau des Unternehmens und des Landes, um die Buchclubs, um Reisen nach Japan, um den Kauf des ersten amerikanischen Verlags, Bantam Books, und die persönliche Begegnung mit dessen jüdischem Chef Oscar Dystel, um das Engagement in Israel und die Bertelsmann-Stiftung, um die Frage, welche Qualiäten man haben muss, um andere zu führen, und die Tugenden eines preußischen Offiziers, von denen Helmut Schmidt im Interview spricht. Der ehemalige Vorstand Manfred Lahnstein erzählt, wie Mohn einmal seine Spitzenleute aus dem Vorstand zu einem Essen in ein Restaurant im westfälischen Hinterland einlud und jedem zum Dessert zehn Aufnahmescheine für den Bertelsmann-Buchclub in die Hand drückte, auf dass sie mal zeigten, wer am schnellsten neue Kunden gewinne. Der spätere Vorstandschef Wössner entschied die Sache für sich, er war in die Küche gelaufen und hatte neun „Scheine gemacht“, angeblich hatte er dem Personal Rabatt versprochen.

Nur wenigen bekannt sein dürfte die Geschichte von Mohn und seinem Geschäftspartner in Paris, Sven Nielsen, der den Verlag Presse de la Cité führte. Die beiden vertrauten einander, doch überraschte es Mohn schon, dass ihn Nielsen ausgerechnet einen Tag vor Heiligabend - als er mit der Familie in der Schweiz war - auf sein Château einlud. Mohn kam, hatte eine gute Zeit - und reiste wieder ab. Warum er hatte kommen müssen, hatte er zu fragen nicht gewagt. Drei Tage später erreichte ihn die Nachricht, dass Nielsen tot sei. Er war unheilbar krank und hatte sich das Leben genommen. Der Abend mit Mohn war einer seiner letzten.

Kann man sich vorstellen, dass der kühle Bertelsmann-Patriarch eine solche Geschichte erzählt? Auf die Zuschauer hatte das wohl Wirkung. Und man kann sich denken, was es ihnen zur jetzigen Lage des Unternehmens sagt: Bertelsmann ist und bleibt ein Familienunternehmen, mögen auch 88.000 Menschen darin wirken und mag der Jahresumsatz jenseits von zwanzig Milliarden Euro liegen. Der Konzern ist verschuldet, weil man die Aktien des Teilhabers Albert Frère für 4,5 Milliarden Euro zurückgekauft hat, um zu verhindern, dass dieser an die Börse geht. Für das Geschäft ist das schlecht. Für die Mohns aber ist anderes wichtiger. Erst komme die Familie und dann sofort die Mitarbeiterschaft, soll Liz Mohn im Film sagen. Die Firma, so wird allen klar, ist die Familie und umgekehrt. Er sei davon überzeugt, dass Menschlichkeit stärker sei als der Kapitalismus, soll Reinhard Mohn am Ende des Film sagen. Dann geht der Fünfundachtzigjährige seiner Wege, durch Wald und Heide.

Weitere Themen

„Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

Topmeldungen

Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.