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Bernhard Pörksen zu Shitstorms : „Empörung hat stets ein Doppelgesicht“

Hermeneut des Shitstorms: Bernhard Pörksen Bild: dpa

Haben Shitstorms ihr Gutes? Wohl kaum. Doch ist nicht jeder Aufschrei ein Shitstorm. Wie unterscheiden wir zwischen Großprotest und Hasskundgebung?

          5 Min.

          Sie haben sich mit dem Thema „Shitstorm“ beschäftigt. Sie meinen, dass man darin auch Gutes entdecken könne. Was ist das Gute an einem Shitstorm?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ich setze anders an, vom Guten will ich nicht sprechen. Mir geht es um die Frage, ob es in jedem Fall produktiv ist, Kritik aus dem Netz als Shitstorm zu etikettieren. Mich beschäftigt, dass Schlagworte wie Propaganda, Kriegshetze, Kampagne so rasch und vorschnell gegenüber Qualitätsmedien gebraucht werden. Und mich treibt um, dass man auf Seiten der klassischen Medien oft durch ein ähnlich abwertendes Gegenvokabular kontert, das da heißt: Shitstorm, Cybermob, digitaler Pranger. Es ist eine Neigung zum Pauschalismus, eine Aufschaukelungsbewegung von Medienverdrossenheit und Publikumsverdrossenheit, um die es mir geht. Keineswegs um ein Lob des Shitstorms.

          Zeichnet sich ein Shitstorm nicht dadurch aus, dass es nicht um Kritik geht, sondern um den Angriff auf die Person?

          Nicht allein. Es gibt viele Mischbilder, die eine eigene Hermeneutik der Wut erfordern. Und manchmal wird ein gesellschaftlich relevantes Debattenthema auf einfach ungerechte Weise artikuliert, das ist das eigentümliche Paradox. Ich würde sagen: Der Shitstorm ist ein aufflackernder, sich blitzschnell steigernder Empörungssturm, der sich auch gegen Unternehmen und Organisationen richten kann, nicht allein gegen Prominente oder gar gänzlich Unbekannte. Es handelt sich um eine Form der aggressiv geführten Wertedebatte – mit jeweils vollkommen unterschiedlichen Inhalten.

          Schauen wir auf die jüngsten Wellen – Dieter Nuhr, Til Schweiger, Angela Merkel, den erzwungenen Rücktritt des britischen Nobelpreisträgers Timothy Hunt: Das Charakteristikum ist hier die persönliche Verunglimpfung.

          Auch mich haben die Wut und der Hass erschreckt, die hier offenbar wurden. Aber das scheußliche Extrem ist nicht mit dem Gesamtphänomen identisch. Im sogenannten Shitstorm finden wir auch die berechtigte Empörung, die begründete Kritik an alltäglichem Sexismus, entwürdigenden Arbeitsbedingungen, sinnloser Tierquälerei, Umweltzerstörung und Greenwashing, aber auch die Überforderung des Moments, die schlicht verzweifelt-wütende Reaktion auf die Zumutung schrecklicher Bilder und Ereignisse. Was ich sagen will: Auch der Ad-hoc-Protest gegen Unternehmen kommt selbstverständlich vor, und dies womöglich mit guten Gründen. Und doch will ich keine Form der Kritik pauschal verteidigen, sondern mich beschäftigt die Frage, wie man in diesen erregten Zeiten für sprachliche Abrüstung zu sorgen vermag – im Sinne einer allgemeinen Diskurs- und Dialogfähigkeit. Es wäre fatal, wenn die Empörung über die Empörung der jeweils anderen Seite zum kommunikativen Normalfall werden würde. Sehen Sie, Ausdrücke wie Shitstorm und Mob sind mitunter schlicht Zeigefinger-Begriffe, Diffamierungsvokabeln einer Rhetorik der Eskalation, die dem allgemeinen Diskursklima nicht bekommt.

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