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Stasi-Akten gesichtet : Verleger Friedrich berichtete überwiegend Offenkundiges

  • Aktualisiert am

Wegen Tätigkeiten für die Stasi in der Kritik: Holger Friedrich, Verleger und Besitzer des Berliner Verlags Bild: Andreas Pein

Die frühere Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk haben ihre Analyse zur Stasi-Akte des Verlegers Holger Friedrich veröffentlicht. Ein politisches Urteil fällen sie nicht.

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          Nach Bekanntwerden der Stasi-Mitarbeit des Verlegers der „Berliner Zeitung“, Holger Friedrich, haben Experten ihre Analyse zu dem Fall abgeschlossen. Die frühere Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, und der Historiker
          Ilko-Sascha Kowalczuk veröffentlichten am Mittwoch über die Robert-Havemann-Gesellschaft ihre 25 Seiten umfassende Expertise zu dem Fall.

          In ihrer abschließenden Bewertung des Falles stellen die beiden Experten zunächst fest, dass Friedrichs IM-Tätigkeit unter dem Druck erfolgte, „ansonsten strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden“. So habe Friedrich seinerzeit nicht ahnen können, dass sich innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit der „Verdacht nach § 254 StGB (Fahnenflucht) nicht bestätigt hatte, weil keine gerichtsnotorischen Beweismittel präsentiert werden konnten.“ Der IM-Vorgang belege auch, dass Friedrich vor allem „in der ,Kontaktierungsphase' den Eindruck zu vermitteln bemüht war, den Anforderungen des MfS an eine inoffizielle Zusammenarbeit gerecht zu werden“, obgleich er „überwiegend Offenkundiges berichtete“.

          Keine Informationen von „politisch-ideologischem Charakter“

          Dennoch hätten Friedrichs gesammelte Informationen in einem Fall zu einer strafrechtlichen Belehrung eines anderen geführt. Mit derlei Belehrungen sei „ein erhebliches Einschüchterungspotential für den Betroffenen“ verbunden gewesen. Weitere Folgen durch Friedrichs IM-Arbeit ließen sich jedoch „nur mit Akten, die über Dritte eventuell existieren“ feststellen. Den beiden Experten erscheinen diese allerdings nicht „wahrscheinlich“, zumal Friedrichs weitergegebene Informationen nicht von „politisch-ideologischem Charakter“ gewesen seien: „Entsprechende Aussagen zu Lasten Dritter finden sich in den Unterlagen nicht.“

          Birthler und Kowalczuk empfehlen dem Berliner Verlag und den Redaktionen der „Berliner Zeitung“ und des „Berliner Kurier“ die Stasi-Unterlagen über Holger Friedrich so weit wie möglich öffentlich zu machen. In einem Brief an die Chefredakteure der „Berliner Zeitung“ und des „Berliner Kurier“, Jochen Arntz und Elmer Jehn, betonten Birthler und Kowalczuk zudem, dass sie in ihrer Analyse zum Fall Holger Friedrich darauf verzichtet haben, „den sich aus den Unterlagen ergebenden Befund politisch oder moralisch zu bewerten“. Wie in anderen Fällen spiele nicht nur die Aktenlage eine Rolle, sondern auch die Grundhaltungen zum Thema DDR-Aufarbeitung. Arntz und Jehn, kündigten auf der Website der „Berliner Zeitung“ nach der Veröffentlichung der Expertenanalyse in „Eigener Sache“ an, die angesprochene Aufarbeitung werde publizistisch und mit Diskussionsveranstaltungen begleitet.

          Im November war bekannt geworden, dass der neue Eigentümer des Berliner Verlags, zu dem die „Berliner Zeitung“ und der „Berliner Kurier“ gehören, zeitweise für die Staatssicherheit der DDR als Informeller Mitarbeiter (IM) tätig war. Danach war eine öffentliche Debatte um den Umgang mit der DDR-Vergangenheit des Verlegers und Unternehmers entbrannt. Die Chefredakteure Arntz und Jehn hatten eine journalistische Aufarbeitung des Falls angekündigt. Birthler und Kowalczuk hatten zudem ihre fachliche Unterstützung bei der Sichtung und Bewertung der Akten zugesagt.

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