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RTL-Serie „Deutschland 83“ : Nukleares Bogenschießen

Im realen November 1983 musste die Stasi nicht erst jemanden einschleusen. In der Nato-Zentrale in Brüssel funkelte der Topspion „Topas“ alias Rainer Rupp, und er gab seinerzeit Entwarnung: ein Manöver, kein Angriff. Die sowjetische Führung wollte das nicht ganz glauben. Briten und Amerikaner wiederum wurden durch ihre Agenten davon in Kenntnis gesetzt, dass Moskau in heller Aufregung sei. Das Manöver wurde daraufhin nicht bis ins Letzte durchgespielt, Ronald Reagan ging nicht in den Bunker, sondern zeigte sich auf seiner Ranch, so dass es die Presse und alle Welt mitbekamen. Eine der heißesten Episoden des Kalten Krieges endete damit, dass die Machtblöcke einander zusagten, sich besser über nukleare Testspielchen zu informieren.

Das deutsche Serienfernsehen holt auf

Es ist als Zuschauer nicht von Nachteil, wenn man um diese Hintergründe weiß, man bekommt sie in der Serie „Deutschland 83“ allerdings auch in eingespielten Nachrichtensequenzen erzählt, um zu verstehen, was die Mission des Martin Rauch ausmacht. Jonas Nay spielt ihn mit bass erstauntem Blick wie jemanden, der nicht fassen kann, in was er hineingeraten ist und wen er alles trifft – den General (Ulrich Noethen), der Zweifel an der Nato-Doktrin hat; dessen Sohn Alex (Ludwig Trepte), der auch beim Bund ist, sich aber für die Friedensbewegung erwärmt; dessen Schwester Yvonne (Lisa Tomaschewsky), die in einem Ashram in Köln verschwindet; den Bonner Professor Tobias Tischbier (Alexander Beyer), der vor Studenten den Anarcho gibt, in Wahrheit aber Stasi-Agenten führt, und schließlich seine verschlagene Tante Lenora (Maria Schrader), die Martin mit der wiederkehrenden Vertröstung bei der Stange hält, sie könne seiner nierenkranken Mutter vielleicht doch zu einer Transplantation in der Charité verhelfen.

Spannend ist die Geschichte, die sich Anna und Jörg Winger ausgedacht haben. Jeweils am Ende der ersten beiden Folgen, die nun auf der Berlinale liefen, will man unbedingt wissen, wie es mit Martin alias Moritz weitergeht. Und das ist für eine Serie das wichtigste. Der Ton stimmt, ein paar trockene Gags gibt es, Action in angemessener Form. Ein paar Schwächen allerdings hat das Drehbuch, an dem weitere vier Autoren geschrieben haben: Der echte Moritz Stamm wird von einer Stasi-Killerin erschossen, was offenbar auch noch Tage später, als der Spion Martin Rauch an seine Stelle tritt, niemandem auffällt. Die Vorbereitung des Manövers „Able Archer“ lastet allein auf den Schultern eines deutschen und eines amerikanischen Generals, die in einem Bonner Gästehaus tagen, in dem man dem hinzugezogenen Nato-Strategen die entscheidende Diskette aus dem Zimmer klauen kann: Das ist eine Nummer kleiner und in der Figurenbeschreibung etwas schematischer, als man es gerne hätte.

Aber es ist ein Anfang – mit dem die Produzenten Jörg Winger und Nico Hofmann und die Ufa zeigen, dass das deutsche Serienfernsehen international aufschließt. Der amerikanische Sender Sundance TV wird die Serie schon einmal ausstrahlen. RTL und dessen Geschäftsführer Frank Hoffmann zeigen indes, dass auch dort dann und wann aufwendig gestaltetes Fernsehen läuft. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz von Online-Konzernen ist es schön zu sehen, dass RTL den Qualitätswettbewerb nicht scheut. Und man will schon sehen, wie es mit diesem Nachwuchsspion, der wie ein großer Junge wirkt, weitergeht. Im kommenden Herbst, wenn die Serie bei RTL läuft, werden wir erfahren, ob er den Dritten Weltkrieg verhindert.

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