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Berichterstattung zum Absturz : Trauerflor

Sensationsgierig: Die Berichterstattung der deutschen Sender über das Flugzeugunglück ist kein Ruhmesblatt. Bild: Picture-Alliance

Die Ursachen des Absturzes von Flug 4U 9525 werden erst in ein paar Tagen geklärt sein. Dennoch wird in den Fernsehsendern am Tag des Unglücks wild spekuliert. Respekt vor Opfern und Hinterbliebenen zeigt das nicht.

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          Die Berichterstattung ist eine Katastrophe. Alle wissen wenig und müssen doch so viel sagen und unendlich viel Sendezeit füllen. Und wollen schon im Augenblick des Unfalls die Erklärung parat haben, wie es dazu kommen konnte. Warum ist der Airbus 320, die Maschine von Germanwings, warum ist Flug 4U 9525 in den französischen Alpen abgestürzt? Niemand weiß es, aber wir können laut darüber nachdenken, was die Ursache gewesen sein könnte. Computerfehler? Pilotenfehler? Warum kein Notruf? Waren die Menschen im Flugzeug bewusstlos, oder haben sie die acht Minuten Sinkflug vor dem Absturz mitbekommen? Auch die Experten wissen es nicht, aber nun stehen sie vor dem Mikrofon und müssen etwas sagen. Ihr Stichwort lautet: Wir wollen nicht spekulieren, aber...

          Je länger der Abend vor dem Fernseher oder vorm Computer, desto reißender die Spekulationskaskade. Bei Sat1 bedrängt Ulrich Meyer in der „Akte“ seinen Experten, das „heute journal“ im ZDF hat fast kein anderes Thema, und die ARD sendet einen „Brennpunkt“, der den geistigen Flächenbrand der Berichterstattung paradigmatisch exerziert. Es wird nicht über die Ursache des Unglücks spekuliert, sondern ausgelotet, wie es den Hinterbliebenen wohl geht. Dass diese von der Öffentlichkeit abgeschirmt würden, sei ja ganz wichtig, sagt die Moderatorin Ellen Ehni. Aber von ihrem Kollegen in Haltern am See will sie natürlich trotzdem wissen, was los ist: „Wissen Sie denn, wie die Menschen jetzt in den nächsten Stunden und Tagen mit dieser Katastrophe weiterleben möchten?“ Wer nach dieser Frage nicht abgeschaltet hat, was ratsam gewesen wäre, hörte einen Notfallseelsorger, der auf allen Kanälen gefragt war, von Schock und Trauerbewältigung und davon reden, wie wichtig ein Ort der Trauer sei.

          Bei den Reportern wurde es derweil immer makabrer. Im ZDF erzählte Theo Koll von dem Gerücht, dass sich an der Absturzstelle „ein Körper“ doch noch bewegt habe. Der ARD-Korrespondent Michael Heissen berichtete von Wölfen, die es in der Gegend gebe. Die Quälerei nahm kein Ende. Nicht bei der ARD-Moderatorin Ellen Ehni, die dem Vertreter der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, zusetzte: „Was kann da möglicherweise los gewesen sein?“ Und erst recht nicht in der Talkshow von Sandra Maischberger, die alle Phantasien aufrief, die man zu einem solchen Unglück entwickeln kann. Niemand machte einen Punkt, alle redeten immer weiter. Sie legten Zeugnis ab von einer Ungeduld, die Ungewissheit nicht erträgt; einem Erklärzwang mit Absolutheitscharakter und einer geheuchelten Anteilnahme für die Hinterbliebenen, in deren Köpfe man doch unbedingt hineinkriechen muss: So sieht heute die Unfähigkeit zu trauern aus.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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