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Ferguson in den Medien : Brennt es? Es brennt!

  • -Aktualisiert am

Spektakulär: Foto aus Ferguson Bild: AFP

Die amerikanischen Medien überbieten sich mit spektakulären Szenen von den Gewaltausbrüchen in Ferguson. Ruhmreich ist das nicht, denn erklärt wird damit so gut wie nichts.

          Das amerikanische Fernsehen hat sich bei der Berichterstattung über die Unruhen in Ferguson nicht mit Ruhm bekleckert. Nach der Verkündung von Staatsanwalt Robert McCulloch, dass der Todesschütze Darren Wilson ohne eine Anklage davonkommen werde, verloren sich die Reporter von CNN und Fox News prompt im Fieber der nächtlichen Demonstrationen. Statt friedliche Kundgebungen ins Verhältnis zu Brandstiftern und Plünderern zu setzen, starrte die Regie wie gebannt auf Feuer, Tränengas und Ausbrüche von Gewalt – auch gegen die eigenen Reporter.

          Denn Unmut und Wut der Demonstranten in Ferguson richteten sich nicht nur gegen Polizei und Politik, sondern auch gegen die berichtenden Medien. Kameraleute und Reporter von CNN und Fox News wurden von Demonstranten mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen und beschimpft. Die CNN-Reporterin Sara Sidner wurde von einer Flasche am Kopf getroffen, beteuerte aber sogleich, es fehle ihr nichts. Pappbecher und Plastikflaschen trafen auch eine Kollegin Sidners. „Die Leute werfen Sachen nach uns, sie werfen auf uns, so sieht die Lage hier aus!“, rief sie, während sie auf die Werfer zuging und Geschosse abblockte. Einem Fox-Kameramann wurde die Kamera entrissen und zerstört.

          Lieber aufflammende Feuer als juristische Hintergründe

          Dennoch wurde man das Gefühl nicht los, dass sich manche Reporter auf einem Abenteuerspielplatz wähnten. „Hier, schwenk mal hier runter!“, wies der Fox-Reporter Harrigan seinen Kameramann angesichts von vier kleinen Schnapsflaschen am Straßenrand an. Ein anderer Fox-Reporter zählte Schüsse mit, die im Hintergrund zu hören waren, als wären sie ein aufregender Countdown zu einer noch größeren Eskalation. Und der CNN-Reporter Don Lemon zog sich im Tränengas gar die Gasmaske vom Gesicht, um sich einem Hustenanfall hinzugeben. Man konnte meinen, dass sich die Fernseh-Reporter selbst in den denkbar dramatischsten Momenten zu inszenieren versuchten. Sollte man es da befremdlich finden, wenn Demonstranten Beleidigungen in die Kameras schrien? In Ferguson fühlten sich offenbar einige von den Nachrichtenmedien verraten.

          Die Polizei schießt Pfeffer Spray in Richtung der Demonstranten: Es gibt Journalisten, die sich dem freiwillig aussetzen.

          Denn sie interessierte nur das Drama. „Komplettes Chaos in Ferguson!“ rief aus dem Fox-News-Studio Megyn Kelly, die sich rechthaberische Wortgefechte mit schwarzen Aktivisten über die Wut in Ferguson lieferte – man habe die Entscheidung der Geschworenen-Jury über die Nicht-Anklage Wilsons gefälligst zu respektieren, polterte Kelly. Auch Rachel Maddow vom Fox-Gegenspieler MSNBC bezeichnete die Lage als „chaotische Situation“. Was sich ihr Sender dabei gedacht haben mag, ausgerechnet den schwarzen Bürgerrechtler und Vertrauten der Familie des erschossenen Michael Brown, Al Sharpton, als Reporter zu verpflichten, lag auf der Hand: Schon im Tonfall Sharptons bebte großes Drama mit. Dass dabei jeder Anspruch an Unabhängigkeit fahrengelassen wurde, störte offenbar niemanden.

          Über die juristischen Hintergründe, über mögliche „systemische Veränderungen“ im Verhältnis zwischen Ordnungshütern und Gemeinden, wie sie Präsident Obama in seiner Ansprache nach der Pressekonferenz von McCulloch beschworen hatte, erfuhr man als Zuschauer indes zunächst nichts. Stattdessen wurden immer wieder aufflammende Feuer ins Bild gesetzt, bis sich der CNN-Anchor Anderson Cooper zur Einordnung der Dinge berufen sah: „Wir wollen hier nicht andeuten, dass ganz Ferguson in Flammen steht. Angesichts dieser Bilder könnte der Eindruck entstehen, aber das ist überhaupt nicht der Fall.“ Brian Lowry, der Fernsehkritiker vom Fachmagazin „Variety“, attestierte den Fernsehsendern denn auch, der lange Tag des Wartens auf das Wort über Wilsons juristisches Schicksal habe „das Schlimmste in den Kabel-Nachrichten zum Vorschein gebracht“. Einmal mehr sei der pure Konfliktdurst der Sender illustriert worden. Aber erklärt wurde mit den Bildern von Feuern und unter Beschuss geratenden Reportern in Ferguson nichts.

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