https://www.faz.net/-gqz-vzgy

Berichterstattung aus Somalia : Sechshundert Dollar Kriegskasse

  • -Aktualisiert am

Ahmed Jimale Bild: Lutz Mükke

Jahrelang brillierte das Erste mit Reportagen aus Somalia. Großen Anteil daran hatte der Einheimische Ahmed Jimale. Er nahm die Bilder des ermordeten amerikanischen Soldaten in Mogadischu auf, die um die Welt gingen. Von der ARD gekündigt, lebt Jimale heute als Flüchtling in Schweden.

          6 Min.

          Ein paar hart umkämpfte Straßenzüge in Somalias Hauptstadt Mogadischu waren seine Demarkationslinie. Heute sind es die Wälder und Seen rings um das beschauliche schwedische Nest Katrineholm. Wie genau er als Flüchtling nach Schweden kam, erzählt Ahmed Jimale nicht. Wohl aber, wie er mehr als zehn Jahre lang in einem der gefährlichsten Berichterstattungsgebiete der Welt für die ARD arbeitete und wie ihn das aus seiner Heimat katapultierte.

          Der einstige freie Mitarbeiter hat großen Anteil daran, dass die ARD mit ihrer Somalia-Berichterstattung glänzen konnte. Von 1992 an arbeitete der heute Vierzigjährige exklusiv für das Erste Deutsche Fernsehen. Wann immer Korrespondenten nach Somalia kamen, besorgte Jimale Geländewagen, Unterkünfte, dolmetschte und stellte Kontakte her. Auch bewaffnete Milizen heuerte er an. Denn ohne deren Geleitschutz können sich westliche Kamerateams in Somalia nicht bewegen, gerade bei schwierigen Recherchen. Für vergleichsweise wenig Geld (600 Dollar monatlich) lieferte Jimale Vorschläge, Radio-O-Töne und Bilder.

          Nur einmal wurde es brenzlig

          Fünfzehn Jahre ist es her, dass Albrecht Reinhardt, damals Afrika-Korrespondent, in Mogadischu auf Ahmed Jimale traf. Reinhardt suchte einen ortskundigen Fahrer. Zu dieser Zeit wollte Jimale mit seinem Freund Dahir die ausweglose Misere, in der Somalia steckte, wenigstens nutzen, um ein paar Dollar zu machen. Sein Plan war, ein Auto an Hilfsorganisationen oder Journalisten zu vermieten. 1992 war Mogadischu zerschunden und zerbombt. Der Diktator Siad Barre war zwar vertrieben, aber die Oberhäupter verfeindeter Großclans stießen ihr Land immer tiefer in Gewalt und Armut. Milizionäre und Zivilisten starben in Straßenschlachten, bis die Clans Mogadischu in Sektoren teilten. Hunger grassierte, und aus der Ferne bahnte sich die „Operation Restore Hope“ an, die Militärintervention der Amerikaner und der Vereinten Nationen.

          ARD-Team im zerbombten Mogadischu
          ARD-Team im zerbombten Mogadischu : Bild: Lutz Mükke

          Das Treffen mit dem ARD-Korrespondenten Reinhardt krempelte Jimales Leben um: Noch verstand er wenig von Journalismus. Doch bald zeigte sich, was Jimale und Dahir zu bieten hatten: Da sie zwei bis ins Mark verfeindeten Clans angehören, konnten sie mit Korrespondenten sowohl in Nord- als auch in Südmogadischu recherchieren. Denn der eine Stadtteil wurde von Jimales Clan, der andere von Dahirs Leuten kontrolliert.

          Während die Korrespondenten im Shamo- oder Sahafi-Hotel warteten, zog Jimale los und sondierte die Lage. Er entschied, wo und wann man drehen konnte. Nur einmal in zehn Jahren wurde es für ARD-Korrespondenten richtig brenzlig, als es an der „Green Line“, der Grenzlinie zwischen Nord- und Südmogadischu, zu einem Handgemenge kam und Schüsse fielen. Ein paar Ausrüstungsgegenstände gingen verloren, niemand wurde verletzt.

          Szenen, auf die die Welt starrte

          Andere hatten weniger Glück. Jedes Jahr werden Journalisten in Somalia ermordet - somalische wie ausländische. 2005 traf ein gezielter Schuss eine BBC-Producerin in den Rücken, zwölf Jahre zuvor hatte eine aufgebrachte Menge vier Korrespondenten wegen eines amerikanischen Hubschrauberangriffs gelyncht. Die Piloten meinten ein Treffen von Militärs im Visier zu haben. Jimale trieb jedoch ein Amateurvideo auf, das belegte: Nicht Militärs wurden getroffen, die Raketen schlugen in ein Ältestentreffen ein. Der Kriegstreiber Aidid, den die Amerikaner im Visier hatten, war nicht darunter. Der ARD-Korrespondent Reinhardt nutzte das Video als Grundlage für den Film „Cobra greift an“. Das Video selbst war schnell auf dem internationalen Nachrichtenmarkt. Jimale klapperte Krankenhäuser ab, um verletzte Teilnehmer des Treffens zu finden und zu überzeugen, in eine westliche Kamera zu sprechen. Reinhardt gelang es, die Piloten des Angriffes zu interviewen. Über den Film war man im Pentagon und im State Department nicht gerade begeistert, erzählt Reinhardt.

          Ein paar Wochen später hetzte Jimale selbst mit einer Videokamera durch die Straßen Mogadischus - zu seinem ersten eigenen Dreh. Er erlebte, was Hollywood später in dem Actionfilm „Black-Hawk-Down“ als „Antikriegsfilm“ in die Kinos brachte: Am 3. und 4. Oktober 1993 starben in Mogadischu etwa siebenhundert Somalis und achtzehn amerikanische Soldaten. Zwei Black-Hawk-Hubschrauber wurden abgeschossen. Bei einer der Maschinen angekommen, stellte Jimale erstaunt fest: „Ich konnte nichts sehen. Die Linse war angelaufen.“ Denn zu gut klimatisiert war der Raum gewesen, in dem die Kamera gelagert worden war.

          Nachdem die Nacht über gekämpft wurde, fuhr Jimale am nächsten Morgen wieder los, begleitet von bewaffneten Bodyguards. Es gelang ihm, jene erschütternden Szenen zu drehen, auf die kurz darauf die ganze Welt starrte und die einer der Gründe für den Rückzug der Amerikaner waren: An Seilen schleift ein aufgebrachter Mob die nackte Leiche eines amerikanischen Soldaten durch die Straßen Mogadischus. „An diesem Tag war es lebensgefährlich zu drehen“, sagt Ahmed Jimale. „Die Menge raste. Ich bin angegriffen worden, weil irgendjemand sagte, ich würde für die Amerikaner arbeiten. Ich musste wegrennen, trotz meiner bewaffneten Männer.“

          Völlig aufgeschlossen

          Nach dem Dreh setzten ihm andere hinterher: Weiße Zivilisten in nicht gekennzeichneten Geländewagen suchten ihn. Doch selbst wenn sie Jimale und das Video gefunden hätten - ein anderer somalischer Stringer hatte ähnliche Bilder gedreht und exklusiv an CNN verkauft. Bei der ARD standen bald alle anderen amerikanischen Fernsehstationen Schlange, um Jimales Video zu kaufen, erinnert sich Albrecht Reinhardt. „Ein Europäer hätte sich gar nicht in die fanatisierte Menge wagen dürfen“, sagt Reinhardt und liegt damit nicht ganz richtig. Der kanadische Reporter Paul Watson fotografierte damals die Leiche des Soldaten und bekam dafür den Pulitzerpreis.

          Somalias Situation blieb über die Jahre chaotisch. Jimale arbeitete kontinuierlich weiter. Der ehemalige Afrika-Korrespondent Hans-Josef Dreckmann meint, ohne Jimale hätte er siebzig bis achtzig Prozent der Filme, die er zwischen 1994 und 2001 in Somalia drehte, nicht machen können. Dreckmann war manchmal erstaunt, was Jimale auf die Beine stellte: An ein und demselben Tag arrangierte sein somalischer Mitarbeiter Interviewtermine mit den drei mächtigsten Warlords Mogadischus: den Todfeinden Ali Mahdi Mohamed, Hussein Aidid und Osman Atto.

          Oder das Porträt über Scheich Ali, dem obersten Sharia-Richter Nordmogadischus: Während Dreckmann den Scheich zunächst „arrogant, kalt und abweisend“ erlebte, versicherte Jimale dem religiösen Führer hartnäckig, die ARD wolle keinen dieser sterotypen Filme drehen, der nur westliche Klischees bediene. Schließlich gelang es, den Scheich in einem „völlig aufgeschlossenen Verhältnis“ tagelang zu begleiten. Der mächtige Richter ließ sich privat, in den Straßen Mogadischus und während eines Vergewaltigungsprozesses filmen. Sogar die islamische Miliz, die der Scheich ausbilden ließ, bekam Dreckmann vor die Kamera.

          „Meine eigenen Leute hätten mich erschossen“

          Dreckmann ging 2001 in Pension. Sein Nachfolger kam aus einer nordrhein-westfälischen Lokalredaktion ins Afrika-Studio nach Nairobi, das die Berichterstattung über Somalia koordiniert. Der neue Korrespondent hatte ein paar Mal mit Jimale zusammengearbeitet und war unzufrieden. Jimale habe eine Situation nicht lösen können, bei der er außerhalb Mogadischus um 600 Dollar erpresst worden war. Schließlich teilte eine ARD-Bürokraft Jimale 2003 am Telefon mit, er bekomme kein Geld mehr. Jimale war geschockt. Am nächsten Tag flog er mit einem Frachtflugzeug nach Nairobi, um zu klären, ob seine Demission ernst gemeint sei. Im ARD-Büro erfuhr er, dass seine Mitarbeit definitiv beendet war. Seine Flucht begann.

          Binnen Wochen musste Jimale Somalia verlassen. Denn so ausdauernd und risikobereit er für die ARD gearbeitet hatte, so tief war er dadurch in Abhängigkeiten geraten. Im wirtschaftlich am Boden liegenden Mogadischu war er einer der wenigen, die regelmäßig Geld in die Hände bekam. Als die 600 Dollar Monatslohn nicht mehr flossen, konnte Jimale seine Verbindlichkeiten gegenüber Milizen, Helfern und Clans nicht mehr einlösen. Die waren daran gewöhnt, regelmäßig kleinere - für somalische Verhältnisse größere - Summen von ihm zu sehen. Dafür garantierten sie Zugang, Bewegungsfreiheit und Sicherheit und ließen Jimale und die ARD-Korrespondenten gewähren.

          Um Morddrohungen und Clan-Kämpfen zu entkommen, war Jimale mit Hilfe früherer ARD-Korrespondenten schon mehrfach aus Somalia geflohen und in Djibuti und Kenia untergetaucht. Nachdem sich die Situation jeweils beruhigt hatte, kehrte er wieder zurück. Jetzt aber war seine Lage ausweglos: Ohne Geld war er in höchster Gefahr: „Meine eigenen Leute hätten mich erschossen.“

          Flüchtling ohne Anschluss

          Epilog: Im Dezember 2006 marschierten äthiopische Truppen mit Unterstützung der Amerikaner in Somalia ein. Seither beschäftigt das ARD-Studio in Nairobi einen neuen somalischen Stringer, der von Kenia aus arbeitet. Doch selbst das Aushängeschild der Auslandsberichterstattung, der „Weltspiegel“, hat seit nun zweieinhalb Jahren nicht mehr aus Mogadischu berichtet. Anlass gäbe es. Der Flüchtlingstreck aus Mogadischu zählt Hunderttausende. In den Straßen der Stadt wütet ein Guerrillakrieg. Schießereien sind Alltag. Hunderte Somalis starben, sind inhaftiert und werden gefoltert. Mutmaßliche somalische Islamisten werden außer Landes gebracht und von der CIA in geheimen Gefängnissen verhört.

          Ahmed Jimale hat heute andere Schwierigkeiten. Zwar ist er als Flüchtling anerkannt, doch sei Schweden, sagt er, eine geschlossene Gesellschaft, Anschluss zu finden sei schwer. Vor allem plagen ihn Sorgen um seine Kinder und seine Frau, die als Flüchtlinge in Äthiopien leben. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Seine Nachfragen bei ARD-Korrespondenten, ihm vielleicht mit einer Ausbildung zu helfen, blieben ergebnislos.

          Weitere Themen

          Schutzheilige der Lyrik

          Zum Tod von Ursula Haeusgen : Schutzheilige der Lyrik

          Sie hat eine eigene Lyrik-Buchhandlung in München gegründet und ließ daraus eine bedeutende Präsenzbibliothek hervorgehen: die Stiftung Lyrik Kabinett. Ursula Haeusgen war Herausgeberin einer eigenen Buchreihe und eine bedeutende Mäzenin. Jetzt ist sie in München gestorben.

          Topmeldungen

          Eine Frau telefoniert in einer Telefonzentrale für die Arzthotline 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

          Keine Impftermine möglich : Nette, aber hilflose Impfhotlines

          Die Impfstoffbeschaffung ist Bundessache, das Verabreichen aber die der Länder. In keinem von ihnen lässt sich ein Termin für eine Impfung vereinbaren. Die Länder halten den Bund für schuldig – und Pfizer.
          Das erste Interview nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden: Ministerpräsident Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

          Interview mit Armin Laschet : „Auch mit Friedrich Merz“

          Ein Gespräch mit dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet über die Einbindung des unterlegenen Konkurrenten, die Kanzlerkandidatur, den Kampf gegen Corona, sein Verhältnis zu Russland, die Seidenstraße – und über Twitter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.