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Berichterstattung aus Somalia : Sechshundert Dollar Kriegskasse

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Oder das Porträt über Scheich Ali, dem obersten Sharia-Richter Nordmogadischus: Während Dreckmann den Scheich zunächst „arrogant, kalt und abweisend“ erlebte, versicherte Jimale dem religiösen Führer hartnäckig, die ARD wolle keinen dieser sterotypen Filme drehen, der nur westliche Klischees bediene. Schließlich gelang es, den Scheich in einem „völlig aufgeschlossenen Verhältnis“ tagelang zu begleiten. Der mächtige Richter ließ sich privat, in den Straßen Mogadischus und während eines Vergewaltigungsprozesses filmen. Sogar die islamische Miliz, die der Scheich ausbilden ließ, bekam Dreckmann vor die Kamera.

„Meine eigenen Leute hätten mich erschossen“

Dreckmann ging 2001 in Pension. Sein Nachfolger kam aus einer nordrhein-westfälischen Lokalredaktion ins Afrika-Studio nach Nairobi, das die Berichterstattung über Somalia koordiniert. Der neue Korrespondent hatte ein paar Mal mit Jimale zusammengearbeitet und war unzufrieden. Jimale habe eine Situation nicht lösen können, bei der er außerhalb Mogadischus um 600 Dollar erpresst worden war. Schließlich teilte eine ARD-Bürokraft Jimale 2003 am Telefon mit, er bekomme kein Geld mehr. Jimale war geschockt. Am nächsten Tag flog er mit einem Frachtflugzeug nach Nairobi, um zu klären, ob seine Demission ernst gemeint sei. Im ARD-Büro erfuhr er, dass seine Mitarbeit definitiv beendet war. Seine Flucht begann.

Binnen Wochen musste Jimale Somalia verlassen. Denn so ausdauernd und risikobereit er für die ARD gearbeitet hatte, so tief war er dadurch in Abhängigkeiten geraten. Im wirtschaftlich am Boden liegenden Mogadischu war er einer der wenigen, die regelmäßig Geld in die Hände bekam. Als die 600 Dollar Monatslohn nicht mehr flossen, konnte Jimale seine Verbindlichkeiten gegenüber Milizen, Helfern und Clans nicht mehr einlösen. Die waren daran gewöhnt, regelmäßig kleinere - für somalische Verhältnisse größere - Summen von ihm zu sehen. Dafür garantierten sie Zugang, Bewegungsfreiheit und Sicherheit und ließen Jimale und die ARD-Korrespondenten gewähren.

Um Morddrohungen und Clan-Kämpfen zu entkommen, war Jimale mit Hilfe früherer ARD-Korrespondenten schon mehrfach aus Somalia geflohen und in Djibuti und Kenia untergetaucht. Nachdem sich die Situation jeweils beruhigt hatte, kehrte er wieder zurück. Jetzt aber war seine Lage ausweglos: Ohne Geld war er in höchster Gefahr: „Meine eigenen Leute hätten mich erschossen.“

Flüchtling ohne Anschluss

Epilog: Im Dezember 2006 marschierten äthiopische Truppen mit Unterstützung der Amerikaner in Somalia ein. Seither beschäftigt das ARD-Studio in Nairobi einen neuen somalischen Stringer, der von Kenia aus arbeitet. Doch selbst das Aushängeschild der Auslandsberichterstattung, der „Weltspiegel“, hat seit nun zweieinhalb Jahren nicht mehr aus Mogadischu berichtet. Anlass gäbe es. Der Flüchtlingstreck aus Mogadischu zählt Hunderttausende. In den Straßen der Stadt wütet ein Guerrillakrieg. Schießereien sind Alltag. Hunderte Somalis starben, sind inhaftiert und werden gefoltert. Mutmaßliche somalische Islamisten werden außer Landes gebracht und von der CIA in geheimen Gefängnissen verhört.

Ahmed Jimale hat heute andere Schwierigkeiten. Zwar ist er als Flüchtling anerkannt, doch sei Schweden, sagt er, eine geschlossene Gesellschaft, Anschluss zu finden sei schwer. Vor allem plagen ihn Sorgen um seine Kinder und seine Frau, die als Flüchtlinge in Äthiopien leben. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Seine Nachfragen bei ARD-Korrespondenten, ihm vielleicht mit einer Ausbildung zu helfen, blieben ergebnislos.

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