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„Bella Block“ zum dreißigsten Mal : Wie viel Leben passt hinein?

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„Stich ins Herz“: In der Jubiläumsfolge untersucht Bella (Hannelore Hoger) den Mord in einem Fischimbiss Bild: dpa

Im deutschen Fernsehen hat sie eine Ausnahmestellung: Hannelore Hoger spielt seit siebzehn Jahren und nun zum dreißigsten Mal Bella Block, jetzt eine Kommissarin im Unruhestand.

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          Bestürzend sind die Auftaktszenen der dreißigsten „Bella Block“-Folge und drastisch zugleich. Als die Ex-Kommissarin, seit 1994 im Dienst, seit 2009 auf ihre spezielle Art privatisierend, am Tatort eintrifft, scheint die Welt für einen Moment stillzustehen. Alle Aktionen der handelnden Personen erscheinen verlangsamt. Oberstaatsanwalt Mehlhorn, nur halb begreifend, bleibt hinter den Linien zurück, während Bella Block vordringt bis zum Ort der Tat, ins Kriegsgebiet, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

          Eine junge Tote liegt da mit dem Messer durch die Brust mitten ins Herz gestochen. Eine Frau hinter dem rotweißen Absperrband schreit stumm im Zusammenbruch. Es herrscht Stille, in der nur die Stimme Bella Blocks aus dem Off klingt: „Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, die Distanz zu den Opfern zu wahren. Seit ich den Polizeidienst verlassen habe, fühle ich mich durchlässiger. Ich bin verwundbarer geworden.“

          Eine Exposition, die nahezu makellos ist und in der Rückschau mehr und mehr Bedeutung erhält. Stephan Wagner, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, inszeniert sie wie einen Nukleus, wie einen Extrakt. Wer genau hinschaut, entdeckt in ihr alles, was man wissen muss, um diese „Bella Block“-Folge „Stich ins Herz“ und die Serie im Allgemeinen zu schätzen (Kamera: Thomas Benesch).

          Die Figur der Bella Block ist singulär im deutschen Fernsehen, und sie ist unmöglich zu denken ohne Hannelore Hoger. Zu den beständig kolportierten Anekdoten des Klatschmediums Fernsehen gehört, dass die erste Produzentin, Katharina Trebitsch, erst mit dem Bayerischen Rundfunk verhandelte, der sich aber nicht für das Spielfilmprojekt - zunächst war nicht an eine Serie gedacht - erwärmen konnte. Zumindest nicht in dieser Titelrollenbesetzung. Erst als Hans Janke, legendärer Fernsehspielchef des ZDF, sich der Sache annahm, wurden Nägel mit Köpfen gemacht.

          Dr. Mehlhorn (Hansjürgen Hürrig) besucht das Museum mit Bella (Hannelore Hoger) und Margit (Maren Kroymann)

          Ein Wagnis, gewiss. Allerdings ein überschaubares. Heute, siebzehn Jahre und 29 Folgen nach dem von Max Färberböck inszenierten Auftakt, viele Autoren und Regisseure, viele Preise und Lobgesänge später, ist die Figur der elementar neugierigen Bella Block immer noch nicht „auserzählt“. Wo anderen Kommissaren krampfhaft ein Privatleben angedichtet wird, wirkt Bella Block schon immer wie eine Gestalt, in der sich widerstrebende Eigenschaften breitmachen.

          Als brauchte man ein Beispiel dafür, wie viel Leben in ein Menschenleben geht. Über die Jahre hat Hannelore Hoger Bella entwickelt und die Drehbuchautoren inspiriert, ihr immer neue Facetten zuzutrauen. Von Doris Gercke als Romanfigur erfunden, hat sich Bella Block der Aufklärung des Rätsels des Menschen als „verteufelt humanem“ (Goethe über „Iphigenie“) angenommen.

          Eine klassische Geschichte

          „Stich ins Herz“ nun ist weniger spektakulär als viele andere Folgen. Die Schauplätze, sieht man von der Baustelle der Elbphilharmonie ab, sind alltäglich. Ein Neubauhaus, wo alles an seinem Fleck steht, ein Fischlokal, Hamburger Lokalkolorit. Ihre Meriten hat die Folge gleichwohl.

          Die Geschichte ist klassisch: ein Mann zwischen zwei Frauen. Ein blutiger Ausgang. Eine Frau, die Tante der Toten, Neurowissenschaftlerin und alte Freundin von Bella Block, die meint, ein Mörder-Gen lokalisiert zu haben. Bella Block, die zu wissen scheint, dass eher allerhand Narreteien Menschen von Sinnen bringen können.

          Sebastian Koch und Anna Schudt spielen das entfremdete Ehepaar virtuos und umkreisen einander mit beredter Sprach- und Schlaflosigkeit; Maren Kroymann als Freundin Margit Brettschneider hat ein denkwürdiges Besäufnis und ein schönes Duett mit Hannelore Hoger am Esstisch. Hansjürgen Hürrig als Oberstaatsanwalt Mehlhorn und Devid Striesow als Ex-Assistent Jan Martensen dürfen ihrer Ex-Mitarbeiterin und -Chefin huldigen. Annika Blendl, die die ermordete Geliebte spielt, gibt dem Opfer Geschichte. Darum dreht sich alles in dieser Folge: So viel ungelebtes Leben bleibt, wenn es gewaltsam beendet wird. Fast hätte man es vergessen bei der täglichen Krimiflut. Dass „Bella Block“ einmal mehr „Comédie humaine“ als Kriminalstück spielt, zeigt die Ausnahmestellung der Serie.

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