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„Luxemburger Wort“ verkauft : Belgische Praline

  • -Aktualisiert am

Gibt seine katholische Tageszeitung in belgische Hände: Luxemburg Bild: Wolfgang Eilmes

Zu Ende gespart: Nach 172 Jahren wird die katholische Tageszeitung „Luxemburger Wort“ an die Mediengruppe Mediahuis verkauft.

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          „Manchmal muss man sich ändern, um zu bleiben, was man ist“, sagt Chefredakteur Roland Arens zum Verkauf seiner Zeitung an die Mediengruppe Mediahuis. Der belgische Konzern aus Antwerpen hat den Verlag Saint-Paul übernommen, in dem das „Luxemburger Wort“ seit 172 Jahren erscheint. Hauptaktionär war bisher das Erzbistum Luxemburg über eine Tochterfirma. Dementsprechend ist das „Wort“ eine katholische Tageszeitung, in der Glaubensthemen viel Platz haben, bis hin zur Veröffentlichung der Gottesdienstzeiten im gesamten Großherzogtum. Diese „ligne éditoriale“ soll bewahrt bleiben, heißt es. Für wie lange das gilt, bleibt abzuwarten, da sich die andere große Zeitung der neuen Eigentümer, „De Standaard“, von den katholischen Wurzeln längst getrennt hat.

          Allerdings musste sich auch das „Luxemburger Wort“ inhaltlich öffnen, nachdem die der Zeitung nahestehende Christlich-Soziale Volkspartei (CSV) des früheren Premierministers Jean-Claude Juncker die Nationalwahlen 2013 verlor und auch nach den Wahlen 2018 in der Opposition verblieb. Die Regierungskoalition aus Liberalen, Sozialisten und Grünen verfolgt einen Säkularisierungskurs. Der Religionsunterricht wurde aus den Schulen verbannt, das Bistum verlor einen Großteil der einst üppig fließenden öffentlichen Zuschüsse. So müssen die Gehälter für neu eingestellte Priester vom Bistum getragen werden.

          Erstaunlicherweise litt das Niveau der Zeitung darunter nicht

          Aus diesem Grund wird seit Jahren bei Saint-Paul gespart: Die Redaktion wurde verkleinert, der hauseigene Buchverlag an einen Konkurrenten abgegeben und die Buchhandlungskette „Libo“ geschlossen. Erstaunlicherweise litt das Niveau der Zeitung darunter nicht. Nach einer zwischenzeitlichen publizistischen Befreiung von Erzbistum und CSV, die immer noch ein Recht auf verbilligte Anzeigenplätze hat, näherte man sich der ursprünglich katholisch-konservativen Linie zuletzt zwar wieder an, allerdings mit Sympathien für grüne und liberale Ideen. Seit einigen Jahren werden sogar, zuvor undenkbar, Eheanzeigen gleichgeschlechtiger Paare veröffentlicht. Und man distanzierte sich, wenn auch etwas versteckt, von der apartheidsfreundlichen Afrika-Berichterstattung im letzten Jahrhundert.

          Rund dreißig Prozent der Einwohner Luxemburgs lesen die auflagenstärkste Kaufzeitung des Landes, deren Artikel größtenteils in deutscher Sprache verfasst sind. Im Jahr 2016 durfte die Redaktion die Nutzungsgewohnheiten einer ausgewählten Lesergruppe mit kleinen Hand-Scannern, die mit einem Mobiltelefon verbunden waren, aktiv messen. Die Ergebnisse waren für die Redaktion niederschmetternd. Es stellte sich heraus, dass nur sechzehn Prozent der Leser den Politikteil studieren. Das Lokale erreicht vierzehn Prozent, die Kirchenrubrik nur fünf Prozent. Dafür verfolgen 68 Prozent die Todesanzeigen.

          „Seit Jahren machen traditionelle Medien einen Strukturwandel durch, von dem seit langem klar ist, dass kaum ein Stein auf dem anderen bleiben wird“, meint Arens. „Die Corona-Krise hat diese Entwicklung noch einmal drastisch verschärft und beschleunigt – sie zeigt aber auch, wie unverzichtbar seriöse, fundierte und verständliche Berichterstattung ist.“ Seiner Zeitung böten sich innerhalb des Konzerns Mediahuis vielfältige Möglichkeiten, damit das „Wort“ bleibe, was es war und ist: „Luxemburgs führende Medienmarke“. Mediahuis entstand 2013 als Zusammenschluss von zwei in Flandern tätigen Medienhäusern. Der Konzern beschäftigt mit seinen Unternehmen 3700 Mitarbeiter und erwirtschaftet rund eine Milliarde Euro Umsatz, zuletzt gab es Zukäufe in den Niederlanden und Irland. Saint-Paul hat 345 Mitarbeiter, darunter rund hundert Journalisten. Wie geplant zieht der Verlag nächstes Jahr in ein neues Gebäude in Howald und richtet dort einen „Newsroom“ ein. Die Gesellschaft des luxemburgischen Bistums erwirbt ihrerseits Anteile an Mediahuis. Über die Größe der Anteile und die Höhe der Kaufsumme wurde nichts bekannt.

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