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Sexuelle Belästigung beim WDR : Wie viel wusste die Führungsriege?

Er habe damals Personalentscheidungen auf der Grundlage der ihm vorliegenden Fakten getroffen, sagt Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Bild: dpa

Beim WDR wurde ein weiterer Vorfall von mutmaßlicher sexueller Belästigung öffentlich. Medienberichten zufolge wussten ranghohe WDR-Mitarbeiter schon früh von den Vorwürfen.

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          Der Westdeutsche Rundfunk kommt nicht zur Ruhe: Nachdem der „Stern“ und das Rechercheteam Correctiv in der vergangenen Woche berichteten, dass nicht nur gegen einen mittlerweile freigestellten Korrespondenten, sondern auch gegen einen weiteren prominenten Mitarbeiter Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben wurden, hat der WDR eine Anwaltskanzlei mit der Aufklärung beauftragt. Auf Anfrage heißt es dazu vom WDR: „Die Kanzlei ist mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt und zusätzlich zu den hausinternen Stellen wie Interventionsteam und Gleichstellungbeauftragter Ansprechpartner für Hinweise.“

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Berichten des „Spiegels“ und der „Berliner Morgenpost“ zufolge hatten führende Mitarbeiter des Senders zumindest in einem der beiden Fälle früh von den Vorgängen Kenntnis – darunter die damalige Intendantin Monika Piel, der jetzige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel. Schönenborn soll einen der Beschuldigten befördert haben, obwohl er von den Vorwürfen gewusst habe. Der „Spiegel“ beruft sich auf Dokumente, die Schönenborn 2011 vorgelegen haben sollen. Darin soll eine Personalrätin des Senders notiert haben, sie fürchte, es habe in der Auslandsredaktion „Vorkommnisse“ gegeben, „die die jeweiligen Grenzen von Kolleginnen überschritten und verletzt haben und somit als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bewertet werden könnten“.

          Der WDR lässt dazu wissen, dass die „bisherige Berichterstattung“ von den Abläufen „kein vollständiges Bild“ vermittele. Man könne sich „im Detail zu Angelegenheiten einzelner Mitarbeiter nicht öffentlich äußern“, wolle aber klarstellen, dass es in einem der benannten Fälle 2010 eine hausinterne Untersuchung gegeben habe. Die damalige Geschäftsleitung sei den anonymen Hinweisen sorgfältig nachgegangen und man habe eine Ombudsperson benannt. Weiter heißt es: Alle „möglicherweise Betroffenen“ wollten anonym bleiben, etwaige Vorfälle ließen sich nicht konkretisieren.

          Der Sender teilt mit, Schönenborn habe das Ergebnis der Untersuchung „unmittelbar nach deren Abschluss im Juni 2010“ vorgelegen. Er habe die Sache mit der zuständigen Abteilungsleiterin Tina Hassel als auch mit der Ombudsperson besprochen. Dazu Tina Hassel: „Damals wie heute habe ich keine verwendbaren Erkenntnisse gehabt, die gerechtfertigt hätten, dass ich gegen den Kollegen konkrete Maßnahmen ergreife. Die Sache blieb immer im Ungefähren, was für mich als Vorgesetzte bis heute unbefriedigend ist.“ Auch zu dem zunächst bekanntgewordenen Fall heißt es vom WDR, man habe keinen Nachweis für die Gerüchte erbringen können. Vorwürfen, die in diesem Zusammenhang im Jahr 2016 wieder aufgetaucht seien, sei man nachgegangen und habe dem Mitarbeiter schriftlich mit Kündigung gedroht.

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