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Beim 32. Münchner Filmfest : Die Ganztagslüge einer Kinostadt

  • -Aktualisiert am

Lohnende Lügen im Filmtheater am Sendlinger Tor Bild: dpa

Die Zukunft ist gesichert, der Etat wurde sogar erhöht. Das Filmfest München behauptet seinen Anspruch als wichtige Plattform für den nationalen und internationalen Verleih.

          Das meistdiskutierte Bonmot bei der Eröffnungsgala des 32. Münchner Filmfests stammte nicht etwa aus Jean Pierre Jeunets („Das Leben der Amelie“) Eröffnungsfilm „Die Karte meiner Träume“. Den nahm das Premierenpublikum in München mit wohlwollendem Achselzucken zur Kenntnis. Allemal besser als „Exit Marrakech“, der letztjährige, von Caroline Link, aber sonst? Zumindest zwang der Film unter Anwesenheit des sechs Jahre alten Hauptdarstellers Kyle Catlett alle Kinobesucher, unter denen sich auch Wim Wenders und Senta Berger befanden, 3D-Brillen über die eigene Brille zu stülpen.

          Das Bonmot des Abends stammte von Klaus Lemke, dem umstrittenen Münchner Filmemacher, der die Karrieren liebenswerter Dilettanten wie Cleo Kretschmer und Wolfgang Fiereck erst möglich gemacht hatte. Zitiert hatte ihn der neue Münchner Bürgermeister Josef Schmid von der CSU, der den abwesenden frisch gewählten OB Dieter Reiter vertrat: „München ist eine Ganztagslüge – aber eine die sich lohnt.“

          Die Nummer Zwei hinter Berlin

          Der früher als Bürgerschreck verschrieene Lemke hat nun seine eigene Reihe beim Münchner Filmfest. „Ausgerechnet seine Hamburg Filme laufen hier“, sagte Schmid, der den früher von der CSU verfemten als „in seiner Sperrigkeit typischen Münchner“ umarmte. Schmid, mit ebenso wenig Fremdsprachenkenntnis gesegnet wie der einstige Medienminister Erwin Huber, trug nicht nur mit seinen englischen und italienischen Begrüßungen ungewollt zur Belustigung des Publikums bei, er schuf auch einen Moment der Peinlichkeit, als er eine Szene aus der Willy-Bogner-Werkschau, in der Iris Berben und Jochen Richter zu einer Liebessequenz auf dem 24 Meter hohen Siegestor in der Leopoldstraße gehievt werden, zum „Höhepunkt der Filmgeschichte“ deklarierte. Aber das Münchner Publikum kann verzeihen – vor allem wenn der Vertreter der Stadt mitteilt, dass der Zuschuss Münchens für sein Filmfest Anfang 2014 „signifikant“ erhöht wurde, und das „für die nächsten sechs Jahre“. Bis zum letzten Jahr betrug er noch eine Million Euro.

          Die Regisseure Wim Wenders (links) und Juliano Ribeiro Salgado vor dem Mathäser Filmpalast

          Der gestiegene Stellenwert des Münchner Filmfests lässt sich auch daran ablesen, dass erstmals Ministerpräsident Horst Seehofer persönlich eine Eröffnungsrede hielt. Das war bisher Ministersache gewesen. „Ich sitze zum ersten Mal, seit ich Ministerpräsident diese Landes bin, wieder im Kino“, bekannte Seehofer freimütig, nachdem er das Münchner Filmfest zum „schönsten Deutschlands und, weil wir Bayern nicht nur friedlich, sondern auch bescheiden sind, wahrscheinlich ganz Europas“ erklärt hatte. Die 160 Filme aus über 50 Ländern machten München zum „Leitstern des Films“, die „anspruchsvolle spannende Unterhaltung“ sei „Nahrung für die Seele und damit ein Segen für unser Leben. Bayern ist damit nicht nur ein Rechts- und Sozialstaat, sondern auch Kulturstaat.“

          Branchenkenner hängen die Bedeutung hingegen tiefer. Ihnen zufolge hat sich München als die Nummer Zwei hinter Berlin in Deutschland etabliert. „Eigentlich haben wir bislang jeden Film bekommen, den wir haben wollten“, sagte der frühere Filmfestchef Andreas Ströhl und konnte über die vom Ludwigshafener Festivalchef Michael Kötz beschriebene Konkurrenzsituation zu München nur schmunzeln. Beide Filmfeste finden in dieser Woche parallel statt. Doch der von Kötz als „kinematographisch“ bezeichnete Tatort „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur feierte eben an diesem Samstag in München seine Weltpremiere – und läuft erst am nächsten Mittwoch in Zelt 2 in Ludwigshafen.

          Das Festival am Rhein spiele doch eher „in der Liga von Saarbrücken und Hof“, findet Ströhl. Das aber erfreut sich der sicheren finanziellen Unterstützung von Sponsor BASF, während die Münchner Festivalchefin Diana Iljine zu Beginn dieses Jahres mit der Hiobsbotschaft konfrontiert wurde, dass Audi als Hauptsponsor mit sofortiger Wirkung aussteigt. BMW hatte sich schon vor Jahren verabschiedet, so dass in diesem Jahr die Festival-VIP’s in nichtbayerischen Opel Insignias chauffiert werden, dem neuen Hauptsponsor, der etwa ein Drittel zum Festival-Etat beiträgt.

          Nah bei den Künstlern

          Aber Iljine will sich in diesem Jahr auch trotz „WM, Biergärten, gutem Wetter, Tollwood und Opernfestpielen in München und 350 Filmfestivals, die der deutsche Markt bietet“, nicht beirren lassen: „Da muss man stoisch bleiben. National und international finden hier Filme ihre Verleiher, so wie im letzten Jahr Sandra Nettelbecks 'Mr Morgans last love' und im Jahr davor 'Oh Boy.'“

          Der Schauspileer Udo Kier – hier mit der Leiterin des Filmfests München, Diana Iljine – erhält in diesem Jahr den Cinemerit-Award

          Eine renommierte Produzentin bestätigt, dass der Einsatz auf dem Münchner Filmfest die Chancen für den Verleih deutlich erhöhten. Dafür reisen dann auch zu nahezu jedem Film Regisseur, Schauspieler und Produzenten an. „Wie viel offener und anders sieht man plötzlich die Kunst“, sagte Iljine in ihrer Eröffnungsrede, „wenn man die Künstler kennt. Deshalb steht unser Festival in diesem Jahr unter dem Motto 'Begegnung'.“

          Begegnen konnte man am Samstag nicht nur zahlreichen Schauspielern bei den traditionellen kleinen und feinen Feiern der Agenturen sondern auch Ronald Zehrfeld, Mišel Matičević und Frederick Lau bei der Weltpremiere des Thrillers „Wir waren Könige“. Mina Tander stellte ihren neuen Film „Das Hotelzimmer“ vor. Am Sonntag präsentieren Anna Grisebach und Benno Fürmann im ARRI-Kino den Film „Nachthelle“.

          Im Laufe der nächsten sieben Tage erhält Udo Kier den Cinemerit-Award, beehrt Veronica Ferres den ZDF-Empfang und lädt der mehrfache Oscar-Preisträger Arthur Cohn in Konkurrenz zum Bavaria Empfang zum launigen Stelldichein. Dazu gibt es eine Reihe mit Walter-Hill-Filmen und mit Werken aus osteuropäischen Ländern. Wenn München wirklich eine Ganztagslüge ist, dann flunkert die Stadt in der kommenden Woche mit dem schönsten Augenaufschlag, der denkbar ist. Denn auf der Leinwand ist alles größer als im echten Leben, und auch der Eröffnungsfilm behauptet nur, in Amerika gedreht zu sein. „It‘s a Fake-America“ , bekannte Regisseur Jenet. Eigentlich habe man die Aufnahmen in Frankreich und Kanada gemacht.

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