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Videoplattform YouNow : Seelenstrip für Unbekannte

  • -Aktualisiert am

Wer mitmachen will, braucht Facebook, Twitter oder Google Plus: Zuschauen kann aber jeder. Das stört nicht nur das Familienministerium. Bild: epd

Jugendliche filmem ihr Leben auf der Videoplattform YouNow in Echtzeit. Jugendschützer warnen nun vor Belästigungen. Doch unterschätzen sie die Medienkompetenz der jungen Nutzer.

          Im Internet kann man Jungs dabei zusehen, wie sie in ihrem Zimmer staubsaugen, oder Mädchen, die im Bad auf dem Boden sitzen und ihre Haare glätten. Manche singen, andere tanzen, einige schlafen oder spielen an ihrem Handy rum, alles übertragen in Echtzeit. Falls Sie sich jetzt nicht ganz zu Unrecht fragen, was einen dazu verleiten sollte, sich derart Unspektakuläres anzuschauen: Gratulation, Sie sind aus Sicht vieler Jugendlicher garantiert total uncool und verschlafen, weil Sie offenbar noch nie von YouNow gehört haben. Diese Abgrenzung gehört zum Jungsein wie die kritische Reaktion zu den drei erwachsenen Empörungs-Risikogruppen (Eltern, Jugend- und Datenschützer).

          YouNow ist da der neue Aufreger, die Seite wurde zwar schon 2011 in den Vereinigten Staaten eingerichtet, doch erst jetzt senden auch hierzulande mehr und mehr Jugendliche mit ihrem Smartphone oder Computer Livebilder aus ihren Kinderzimmern, elterlichen Küchen oder Bädern; von den monatlich hundert Millionen Besuchern auf der Videoseite kommen inzwischen rund fünfzehn Millionen aus Deutschland. Während in Amerika längst Youtuber und Musiker die Plattform für Livestreams von Konzerten nutzen, hat die Seite in Deutschland noch einen sehr amateurhaften Charakter. Ganz normale Jugendliche, statt professionellen Vermarktern. 

          Deshalb und weil man sich bei YouNow mit dreizehn Jahren anmelden kann, um Videos zu senden, als anonymer Zuschauer aber nichts weiter tun muss, als sich auszusuchen, wen genau man sich denn jetzt anschaut, sind die Datenschützer alarmiert. Das ist auch ihre Aufgabe und angemessen, denn die Anonymität bringt es mit sich, dass sich in den Chatfenstern neben dem Videobild immer wieder fragwürdige Aufforderungen sammeln. „Zeig mal deinen Bauchnabel, mach mal Handstand, was hast du drunter an?“, steht dann beispielsweise da. Einige Jugendliche geben zudem reichlich Informationen über sich preis, nennen ihr Alter, Wohnort, ihren Facebook-Namen oder wie sie im Fotodienst Instagram heißen. Sie genießen die Aufmerksamkeit manchmal einiger hundert Zuschauer gleichzeitig, übertragen stundenlang vermeintliche Belanglosigkeiten und freuen sich über nette Worte und darüber, dass es andere interessiert, was sie zu erzählen haben.

          Jugendschützer warnen vor Identifizierbarkeit, Mobbing im Netz und vor kriminellen Erwachsenen, die junge Menschen dazu verführen wollen, sich auszuziehen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) sagt, dass die Betreiber von YouNow bislang zu wenig dafür tun würden, Jugendliche zu schützen - eine berechtigte Kritik. Sie forderte geschützte Räume für die Jugendlichen, etwa, dass sie selbst bestimmen könnten, wer ihre Livestreams anschauen kann. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Seite ist aufgelistet, dass Jugendliche unter 18 eine Erlaubnis von ihren Eltern brauchen, dass Nacktheit genauso verboten sei wie Mobbing oder Rauchen vor der Kamera. Richtig kontrolliert wird das bislang jedoch nicht, auch wenn die Betreiber von YouNow kürzlich in einem Blogbeitrag äußerten, dass sie ihr Moderationsteam aufstocken und verstärkt darauf achten, dass die Jugendlichen geschützt werden.

          In Ihren Warnungen an Eltern und Kinder adressieren die Jugendschützer zwar wichtige Punkte - doch unterschätzen sie bisweilen die Medienkompetenz der Jugendlichen. „Was ist los mit euch?“, antworten sie auf zweifelhafte Avancen, sie blocken Trolle, machen natürlich keinen Handstand und zeigen auch nicht ihre Unterwäsche. Sie sind zwar jung, aber nicht dumm. In Zeiten, in denen Jugendliche wie selbstverständlich nicht mehr nur bei Facebook, Snapchat oder Instagram Fotos und Videos von sich und ihrem Leben veröffentlichen, ist YouNow nur eine weitere soziale Darstellungsform im Netz: eine außergewöhnlich öde und trotzdem – für die falschen Leute – verführerische.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

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