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Zweite Staffel von „Gomorrha“ : Niemand entkommt dem Gesetz der Camorra

Sie nennen ihn „den Unsterblichen“, als wäre er ein Halbgott. Dabei ist Ciro (Marco d`Amore) nichts als ein skrupelloser Mörder. Bild: Sky

Italienische Politiker meinen, man müsse die schönen Seiten Kampaniens zeigen. Die Serie „Gomorrha“ aber inszeniert, was der Mafia-Enthüller Roberto Saviano beschreibt: die brutale Wahrheit.

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          Warum er denn immer weitermache mit diesen elenden Geschichten über die neapolitanische Mafia, muss sich der italienische Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano fragen lassen, zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines Tatsachenromans „Gomorrha“, der ihm Todesdrohungen der Camorra einbrachte und Polizeischutz. Bis heute kann er sich nicht frei bewegen. Ob er nicht genug in den Wunden des italienischen Südens gewühlt habe, der organisierten Kriminalität, der Korruption, dem blutigen Rauschgifthandel, der von Kampanien aus wie eine Krake ausgreift nach Rom, nach Südamerika, nach Düsseldorf.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er verherrliche geradezu das Hässliche, kritisierte Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris den Autor. Noch mehr aber, sagt Saviano in der jüngsten Ausgabe des Magazins „L’Espresso“, für das er auch schreibt, habe ihn geschmerzt, was der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi bei einem Besuch in Kampanien gesagt habe: Von dieser Region dürfe nicht immer nur als der Gegend die Rede sein, in der „Gomorrha“ spiele. Man solle den Blick auf das Positive lenken. Die Anti-Mafia-Bewegung verliere an Boden, beklagt Saviano, und er fühle sich in seiner Rolle als Ankläger und Aufklärer zunehmend alleingelassen, dabei gebe es nur einen Weg, Süditalien zu retten: nicht die Augen vor der Realität dort zu verschließen.

          Schluss mit der Mafia-Romantik

          Roberto Savianos J’accuse kommt pünktlich zum Start der zweiten Staffel von „Gomorrha“, der italienischen Serie, die auf seinen Recherchen beruht und 2014 nicht nur Schluss machte mit jeglicher Mafia-Romantik, sondern auch das Vorurteil beiseite schob, die Europäer wären nicht fähig, etwas auf den Bildschirm zu bringen, das es mit „Sopranos“ oder „Breaking Bad“ aufnehmen kann. Anders als Matteo Garrones Kino-Adaption „Gomorrha - Reise in das Reich des Bösen“ treten in der von Sky Italia, Cattleya, Fandango und Beta Film produzierten Serie keine nach realen Vorbildern skizzierten Figuren auf, sondern fiktive Charaktere. Und doch ist alles echt an ihnen, weil die Logik ihres Handelns, die „Mechanik“ des Bösen, wie Saviano es nennt, der Wirklichkeit entlehnt ist und vom federführenden Regisseur Stefano Sollima mit schonungslosem Realismus inszeniert wird.

          Fernsehtrailer : „Gommorah – Staffel 2“

          Wir sehen Männer, vor allem Männer, und einig wenige Frauen im Dreck. Nirgendwo anders trägt sich das Leben, Morden und Sterben der Protagonisten zu, ganz gleich, ob sie sich in der verrotteten neapolitanischen Hochhaussiedlung „Vele di Scampia“ oder in einem Club voller Bling-Bling in Rom bewegen. Denn so viel macht die Serie in jeder Szene klar: Nicht der allgegenwärtige Müll, die Graffiti, das heruntergekommene Umfeld ihrer Herkunft hat diese Figuren korrumpiert. Sie sind keine Opfer der sozialen Umstände, sondern schaffen den Ruin mit jeder ihrer Taten, bei der sie sich Stück um Stück ihrer Humanität entledigen. Sie verdienen kein Mitleid. Um sie ist kein Mysterium. Die Camorristen sind nichts als vulgäre Drogendealer, die einander gegenseitig umbringen und Menschen – sogar die nächsten – benutzen, vernichten und wegwerfen wie Abfall, um ihre Macht und ihr Geschäft zu sichern. Und das alles, ohne dem Leben im Dreck selbst je zu entkommen.

          Kein einziger guter Charakter

          Was bedeutet es schon, mit Leibgarde unterwegs zu sein und in Honduras oder Spanien das große Rad zu drehen, wenn einen jederzeit ein konkurrierender Verbrecher abknallen oder rebellierende Untergebene die Familie auslöschen können? An Erbärmlichkeit ist all das kaum zu überbieten – aber auch an Zerstörungskraft. Der Staat existiert in „Gomorrha“ praktisch nicht. Es tritt nicht ein einziger guter Charakter auf, der einen Weg aus diesem Sumpf weisen könnte. Das System aus Drohung und vermeintlichem Schutz nährt sich stetig selbst.

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