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„Ein Tag in Köln“ bei Arte : Bei schweren Geburten helfen Schluckbilder

  • -Aktualisiert am

Ein Tag in Köln 1629: Bei Geburten müssen sich Anna Stein (Julia Thurnau, rechts) und ihre Gehilfin (Elina Vaska, links) auf ihre Erfahrung und das Gefühl in ihren Händen verlassen. Bild: R. Birkenfelds Photography

Vom Rhein über die Seine an die Spree: Die liebevoll gemachte Doku-Reihe „Ein Tag in ...“ erzählt unter anderem vom Alltag einer Hebamme im Jahr 1629 in Köln, einem Friseur im Jahr 1775 in Paris und einem Ermittler im Berlin des Jahres 1926.

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          Die groß gedruckten Eckdaten der Geschichte haben selbst die Opfer kompetenzorientierter Lehrpläne noch auf dem Schirm: 1618 – das ist der Anfang des Dreißigjährigen Krieges, 1789 – Französische Revolution, 1918 – Scheidemann am Fenster des Reichstags. Was aber geschah 1629 in Köln, 1775 in Paris oder 1926 in Berlin? Die ausgesprochen hübsch aufgemachte, publikumsfreundlich – wie ein Event-Tag im Freilichtmuseum – aufgezogene Reihe „Ein Tag in ...“, die das ZDF unter der „Terra X“-Dachmarke produziert, hat die Antwort: In diesen Jahren tobte in Köln, Paris und Berlin der alltägliche, oft genug existentielle Kampf ums Dasein.

          Eine Hebamme eilt zu einer Geburt. Ein Perückenmacher erwägt, ob Frisuren statt Perücken die Zukunft sind. Ein Kommissar betritt ein Büro, in dem Sekretärinnen mit modernen Schreibmaschinen und Parlographen, ersten Diktiergeräten also, ihrem Tagwerk nachgehen. Alles kleine Leute statt weltbewegender, vermeintlich großer Figuren. So war es auch schon in Staffel eins der Reihe, die einst von einem Feuerwehrmann in Rom anno 80, einem Frankfurter Wundarzt 1454 und einer Magd im kaiserlichen Berlin 1907 erzählte.

          Zu alltäglich dürfen die Alltagsfiguren nicht sein

          Die Protagonisten sind dabei erfunden. Aber sie wurden gemeinsam mit Fachberatern entwickelt, sollen prototypisch sein, exemplarisch für ihre Zeit. Und auch die Einordnung besorgen Experten – sie müssen ihre Botschaften zwar in knappen Sätzen verpacken, machen das aber frischer als die maximal verdichtet formulierende Sprecherstimme, deren Duktus man bei heutigen Geschichtsdokus schon wieder so leid ist, wie man dereinst den kreidetrockenen Duktus von Erklärfilmen im Geschichtsunterricht leid war.

          Für Dramatik – zu alltäglich dürfen die gewählten Alltagsfiguren beim „Histotainment“ nicht sein –  sorgt unterdessen im Falle der Kölner Hebamme des Jahres 1629, dass ein Drittel der zwischen 1627 und 1630 wegen Hexerei hingerichteten Frauen just aus dieser Berufsgruppe stammte. Die Folge stellt uns also nicht nur die üblichen Geburtsumstände vor, die verwendeten Heilkräuter, Schluckbildchen und Instrumente wie „Wendestäbchen“, Wundhaken, „Taufspritze“. Sie erzählt vielmehr von einer aufrechten Frau, einer „Heldin des Alltags“, zu deren Berufsrisiko die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen gehört, und einer Stadt im Dreißigjährigen Krieg, deren Atmosphäre von Hunger, Schutzsuchenden und Flugblättern geprägt ist. Dass die damalige Hebammen-Versorgung pro Kopf trotz Hexenwahn besser als heute war, gehört zu den Aha-Effekten des Films.

          Ein Paris voller Gestank und Elend

          Auch die Pariser Folge um den Perückenmacher dreht sich nicht bloß um Handwerk, Mode, Parfüm und Küche: der junge Geselle, der bei der Morgentoilette ohne Wasser auskommt, durchquert 1775 ein Paris voller Gestank und Elend, in dem Polizeispitzel umgehen – am Ende des Tages versorgt er eine Adelige in Versailles mit einer jener Turmfrisuren, die man aus den spöttischen Karikaturen der Zeit kennt. Es ist die gelungenste der Episoden. Ein echtes Gesellschaftsbild, das diese Bezeichnung verdient.

          „Ein Tag in Berlin 1926“, der die Arbeit der ersten Mordkommission der Welt beschreibt, ist dagegen kalter Kaffee – schließlich haben wir uns dank der Kollegen von der Fiktion (Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe in Buchform, Tom Tykwers Kutscher-Adaption „Babylon Berlin“ von Sky und ARD, „Mordkommisson Berlin 1“ auf Sat.1) gerade erst mit Verbrecherjägern im „Spree-Chicago“ befasst.

          Mag sein, dass die Folge genau aus diesem Grund konzipiert wurde: als fachwissenschaftlich belastbare Ergänzung. Aber dann hätte man den Bezug zum Zwanziger-Hype deutlicher herstellen und früher antreten müssen. Und die Handlung um einen Schmerzmittel-süchtigen Ermittler Fritz, die sich das „Terra X“-Team ausgedacht hat, um auch ihn und seinen Vorgesetzten Ernst Gennat (keine Fiktion, sondern Legende) einen Tag lang durch das aufregende Berlin der Zwanziger begleiten zu können – da bleibt man doch lieber in Köln.

          Ein echtes Gesellschaftsbild, das diese Bezeichnung verdient: „Ein Tag in Paris“.

          Terra X: Ein Tag in … läuft am Samstag um 20.15 auf Arte (Köln, Paris). Am Sonntag beginnt die Terra-X-Reihe im ZDF und schließt am Sonntag, 10. März, mit der Folge „Ein Tag in Berlin 1926“.

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