https://www.faz.net/-gqz-8uo68

Digitale Gelegenheitsspiele : Das handliche Universum

Nächster Schritt Virtual Reality: Szene aus dem Spiel „Eve Online“ Bild: CCP Games

Auf der „Casual Connect Europe“ in Berlin träumen die Entwickler von Gelegenheitsspielen vom großen Wurf. Einer, der es geschafft hat, erzählt von den dunklen Seiten des Blockbuster-Spielemarkts.

          Wann ist ein Gott ein Gott? Gilt das schon ab einem Universum, das von mehr als einer halben Million Lebewesen bevölkert wird? Und falls ja, wie fühlt es sich an? Derlei wird der selbstbewusste Isländer, der am Dienstagnachmittag auf einer Bühne in Raum 8 in der Station Berlin steht, wohl häufiger gefragt. Er antwortet dann immer: „Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, der Hausmeister zu sein.“ Hilmar Veigar Pétursson hat 2003 mit seiner Firma CCP Games (Crowd Control Productions) das Computerspiel „Eve Online“ entwickelt und auf dem Branchentreffen der kleinen Spieleschmieden, „Casual Connect“ in Berlin, eigentlich nichts verloren.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn wenn sich der Begriff des „Casual Game“ – und darum geht es hier – zumindest anhand eines Kriteriums beschreiben lässt, dann ist es seine Niederschwelligkeit. Sowohl in Bezug auf die Anforderungen, die es an den Spieler stellt, als auch an dessen Equipment. Gemeint sind Spiele, die sich während der Bahnfahrt auf dem Handy oder aber einfach neben dem Ausfüllen von Excell-Tabellen im Browser zwischendurch spielen lassen. Eine Art Videospiel-Snack, der Appetit macht.

          Demgegenüber stehen die „Hardcore Games“, die sich nicht nebenher spielen lassen, sondern Geduld, Zeit, Geschick und schweres Gerät erfordern: Computer oder Konsolen mit ausreichend Rechenkraft. Und genau darüber soll Pétursson an diesem Tag reden, denn natürlich haben auch die Entwickler von „Casual Games“ Visionen, für die ein Handybildschirm mitunter zu klein wird. Auch sie träumen gelegentlich vom großen Entwurf. Pétursson aber soll von jener Hölle zu ihnen sprechen, in der die Entwickler der Triple-AAA-Titel (Branchensprache für die aufwendigen Blockbuster der Videospielwelt) arbeiten: „Going all in - Stories from the dark side of Hardcore Game Development“ heißt sein Panel.

          Einfach die Versorgungswege kappen

          Doch er spricht lieber von seiner etwas beängstigen Mission, eine virtuelle Welt zu kreieren, die „mehr Bedeutung hat als das eigene Leben“. Das wirkt zynisch, ist aber das Fundament des Erfolgs seiner Branche. „Eve Online“ ist ein dreidimensionales Strategiespiel im Weltraum – mit Raumschiffen, Technologie- und Ressourcenhandel, Forschung und einer Politik, die sich völlig verselbständigt hat. Pétursson erzählt von seinem Spiel wie von einem soziologischen Experiment, das mittlerweile über dreizehn Jahre läuft: Über eine halbe Million Spieler aus aller Welt teilen sich das virtuelle Universum. Nur die Chinesen dürfen von Haus aus nicht mitspielen und haben ihren eigenen Server. Nachdem das Spiel sich etabliert hatte, bemerkten die Entwickler, dass sich Spieler aus den gleichen Ländern oder zumindest benachbarten Regionen in bestimmten Teilen des Universums niederließen und – nicht zuletzt sprachbedingt – Allianzen formten.

          Die Russen hätten, sagt Pétursson, recht schnell eine starke und aggressive Allianz gebildet – und angefangen, die Skandinavier zu ärgern, die im benachbarten Sektor spielten. Diese aber schlugen sich wacker, da sie von den Amerikanern mit Waffen und Technik versorgt wurden, die man im Spiel fabrizieren kann. Das wurmte die Russen, woraufhin sie die französische Community überredeten, die Versorgungslinien zwischen dem amerikanischen Sektor und dem skandinavischen zu kappen.

          So heiß ist das Ding vielleicht nun auch wieder nicht

          Diese Vorgänge sind bereits Geschichte und werden innerhalb der Spielgemeinschaft kontrovers diskutiert. So sehr, dass der Journalist Andrew Groen darüber im Jahr 2016 das erste historische Sachbuch verfasste, das sich mit den Zeitläuften innerhalb eines Computerspiels befasst: „Die Imperien von Eve: Die Geschichte der Großen Kriege in Eve Online“. Bei großen Weltraumschlachten in „Eve Online“ wurden virtuelle Gegenstände – man kann sich seine Ausrüstung dort mit echtem Geld kaufen – im gar nicht virtuellen Gegenwert von mehreren hunderttausend Dollar zerstört. Man kann ein wenig Angst bekommen bei Péturssons Ankündigung, man werde sich nun daran machen, das Spiel so weiterzuentwickeln, dass es zusätzlich mit einer Virtual-Reality-Brille gespielt werden kann: Der Grad der Immersion wird noch einmal um eine Stufe erhöht.

          Virtual Reality ist zwar seit 2016 vor allem in der Videospielbranche ein großes Thema, doch backen die Entwickler auf der „Casual Connect“ naturgemäß kleinere Brötchen. Viele Entwickler hier haben sich auf das Programmieren von Spielen auf Basis von HTML5 spezialisiert, der Kernsprache des Internets. Der Vorteil: Die Spiele laufen auch auf den Internetbrowsern mobiler Endgeräte wie Smartphones und Tablets – auf denen viele der bisherigen „Flash“-basierten Spiele Probleme hatten. Zwar haben Firmen, nicht selten Medienplattformen sowie die Plattformen sozialer Medien ein gesteigertes Interesse an solchen Spielen, da es die Verweildauer der Nutzer auf ihren Seiten steigern kann. Allerdings ist man sich in der Branche nicht mehr ganz so einig, ob der mobile Spielemarkt wirklich ein so „heißes Ding“ ist, wie es in den letzten Jahren prophezeit wurde.

          Ansonsten – das bestätigen Entwickler, und so steht es auch im Grußwort des Messeheftes – ist insgesamt alles beim Alten geblieben: Früher seien die Sicherung gerechter Verwertungsketten, Innovationsmanagement und Geldverdienen die entscheidenden Themen gewesen. Und auch, wenn heute einige nach den Sternen greifen und es viele bunte „Giveaways“ zu verteilen gibt: Für die meisten, auch die leidenschaftlichsten Entwickler, hat sich daran im Jahr 2017 nichts geändert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.