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„Bei Anruf Abzocke“ : Das kauft man ihm ab!

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In der Schlusssequenz auf Fremdschämniveau angelangt: Günter Wallraff Bild: Andreas Schneegans / ZDF

Günter Wallraff ist wieder zurück auf der großen Bühne. Grund genug für das ZDF, ihm eine Dreiviertelstunde Sendezeit zu schenken. Am Dienstagabend durfte er in dem Beitrag „Bei Anruf Abzocke“ den Zuschauern den Call-Center-Skandal vorführen. Am Ende ging dann Wallraffs Obsession mit ihm durch.

          Sein Name ist Programm, aber auch Nostalgie. Ihn nur auszusprechen, entführt uns zurück in die behüteten achtziger Jahre. Frank Elstner moderierte damals „Wetten dass...?“ Die Wälder starben vor sich hin, weil der Regen sauer war. Kaum einen Haushalt gab es, in dem nicht Günter Wallraffs Reportage aus der Bild-Redaktion zu finden war, kaum ein Bücherregal ohne seinen J'accuse-Klassiker „Ganz unten“, dessen Coverbild sich ebenso tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat wie jenes treudoofe Zwieback-Kind.

          Dann trennten sich die Welten: „Wetten dass...?“ hat immer weitergemacht, von Jahr zu Jahr abgehalfterter, und so den eigenen Mythos unterhöhlt. Wallraff dagegen verschwand für lange Zeit von der, nun ja: Bild-Fläche. Man hörte hin und wieder von ihm, so etwa in den ernsten Angelegenheiten Menschenrechte in der Türkei oder Fatwa gegen Salman Rushdie. Vor allem in Köln war der ruhelose Aktivist stets präsent. Doch in der breiten Öffentlichkeit war es um Wallraff still geworden, so dass sein Mythos überdauern konnte.

          Karikatur seiner selbst

          Seit wenigen Monaten ist Günter Wallraff zurück auf der großen Bühne. Aber als wäre ihm daran gelegen, die Größe seiner einstigen Undercover-Einsätze im Nachhinein herunterzuspielen, tritt er nun als Karikatur seiner selbst auf. Dabei gäbe es in der Gesellschaft wahrlich genug Angriffspunkte für eine investigative Ein-Mann-Eliteeinheit wie Wallraff. Doch statt sich etwa dem grassierenden Lobbyismus an die Fersen zu heften, hat sich der wieder verdeckt arbeitende Ermittler - diesmal unter dem Pseudonym Michael G. - auf das nicht eben brennend scheinende Problem des Call-Center-Unwesens versteift.

          Seine Recherchen führten nicht nur zu einem Aufmacher für die erste Ausgabe des neuen Zeit-Magazins im Mai dieses Jahres, sondern auch zu einem gemeinsam mit Pagonis Pagonakis angefertigten, fünfundvierzigminütigen Fernsehbeitrag, der am Dienstagabend im ZDF ausgestrahlt wurde: „Bei Anruf Abzocke“. Selten aber dekonstruiert sich ein kritisches Vorhaben derart gründlich selbst.

          Am Rande der Legalität

          Wallraff hat sich in zwei Kölner Call-Center eingeschleust, die am Rande der Legalität operieren, und dort verdeckte Aufnahmen angefertigt. Diese stellen den Leitfaden des Beitrags dar, leider - da aus der Hüfte gefilmt - oft in schlechter Bildqualität und häufig mit nachgesprochenem Ton. In einem Fall ging es um Systemlottoscheine, die offenbar weniger hohe Gewinne zulassen als versprochen. Diese „Unverfrorenheit“, mit der man ahnungslosen Menschen suggeriere, sie hätten die Chance auf einen Millionengewinn, „schockiert“ den Spion im Namen des Verbrauchers.

          Im anderen Fall hatte Wallraff stark überteuerte Jugendschutztafeln an Gastwirte zu verscherbeln. Meist fielen ausländische Gastwirte auf den sich offiziell gebenden Anruf herein. Das zu demonstrieren, dient ein Besuch bei Dönerbuden-Besitzer Özdal Özalp, der das für fünfundneunzig Euro erstandene Schild in die Kamera hält. Dumm gelaufen, keine Frage.

          Fast eine Million Werbeanrufe

          Es würde aber wohl niemand bestreiten, dass es die dubiosen Geschäftspraktiken, von denen berichtet wird, tatsächlich gibt. Jeder Telefonbesitzer dürfte schon von solchen 'Drückern' belästigt worden sein. Fast eine Million Werbeanrufe soll es in Deutschland täglich geben. Besonders auf alte Menschen, die das Gespräch nicht unfreundlich beenden möchten, haben es die Kundenfänger abgesehen. Aber mit dieser Gefahr wird die bestehende Rechtsordnung spielend fertig, da braucht es keinen Wallraff. Die um Beistand angegangene Bundesjustizministerin Brigitte Zypries scheint denn auch etwas erstaunt über den Eifer des guten Mannes von Ehrenfeld. Den Vorschlag, am Telefon abgeschlossene Verträge nur nach schriftlicher Bestätigung als rechtsgültig anzuerkennen, lehnt sie ab unter dem etwas kryptischen Hinweis auf die für das Opfer zunehmende Beweislast.

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