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Bayern-Wahl bei ARD, ZDF, BR : Als die Grünen fast allein gewannen

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Die Verbitterung der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin Natascha Kohnen verheißt der SPD-Führung nichts Gutes. Die Großstadtpartei hat mehr als die Hälfte ihrer Stimmanteile verloren. Die Unruhe darüber erreicht noch am selben Abend den Bundesvorstand. Nur mühsam kann sich Natascha Kohnen dazu durchringen, Andrea Nahles nicht augenblicklich in Mithaftung zu nehmen. Der Partei kann es nicht gefallen, dass sie „unter ferner liefen“ rubriziert wird. Auf Platz fünf zu landen ist für das politische Selbstwertgefühl vernichtend.

Der grüne Jubel wirkt etwas zu forciert. Der Rückenwind des Ergebnisses wird sie nicht automatisch auf die Regierungsbank katapultieren. Das machen die Plädoyers der CSU-Führung für eine Koalition mit den Freien Wählern deutlich. Was wird die Morgengabe der Grünen für einen Regierungseintritt sein, abgesehen davon, dass die Mehrheit komfortabler wäre? Leider werden solche Fragen weder den Spitzenkandidaten noch dem Bundesvorsitzenden Habeck gestellt.

Die Stellungnahmen Seehofers und Söders sind so nahtlos miteinander abgestimmt, dass sie gerade deswegen nicht überzeugen. Den Spitzenplatz unter den Phrasen dieses Abends besetzt das „Nachvorneschauen“. Es wird nicht lange funktionieren, weil die Fehler dieses Wahlkampfs eine gründliche Rückschau erzwingen. Der Verweis auf die bayerische Verfassung, die vorschreibt, dass innerhalb von vier Wochen nach dem Wahltag eine neue Regierung zu bilden sei, darf nicht als Einladung dazu missverstanden werden, den Streit in der Parteiführung so zu behandeln, als gebe es ihn nicht. Das wird der CSU auch im Bund schaden.

Erstaunlich wirkt die fast chorisch vorgebrachte Freude mehrerer Parteisprecher der Freien Wähler als auch der Grünen über ein zweistelliges Ergebnis, als sei die eins an der ersten Stelle nicht maßgeblich. Die Freien Wähler werden vom Interviewpersonal des Bayerischen Rundfunks mit Samthandschuhen angefasst. Niemand kommt auf die Idee, sie auf ihre Kirchturmpolitik anzusprechen, der schon Probleme eines Nachbarorts so fern wie der Mond vorkommen können. Ihr Charakter als Landespartei hat etwas von einem Scheinriesen.

Die Rhetorik der CSU-Führung wirkt verpeilt: Sie beschwört politische Stabilität und tut so, als sei das gleichbedeutend mit ihrem Regierungsauftrag. Kurskorrekturen müssten anders aussehen. Aber auch hier kommt es zu keinen Nachfragen bei den Damen und Herren des Bayerischen Rundfunks. Das Selbstverständnis der CSU als Staatspartei scheint immer noch selbstverständlich zu sein. Demut wirkt daher wie Hybris.

Der Satz des Grünen Parteichefs Habeck am Freitag, „endlich gebe es wieder Demokratie in Bayern“, scheint seinen Freunden nicht geschadet zu haben, obschon dieser Satz von einer ähnlichen Hybris zeugt, wie sie die CSU-Führung an diesem Abend vorführt. Seehofers Statement, dass sein Mandat als Parteivorsitzender erst in einem Jahr ablaufe, wird nur mittelbar durch seinen Vorgänger Erwin Huber in Zweifel gezogen. So nebenbei hat auch Seehofers Erinnerung an das von ihm erreichte Wahlergebnis von 2013 den Charakter eines Nadelstichs, den er Söder mit einem Dolch versetzt.

Huber rettet seiner Partei die Ehre. Er findet Seehofers Statement beschönigend, das werde dem Ernst der Lage nicht gerecht. Die CSU habe besonders da verloren, wo sie immer stark gewesen ist: in der Mitte, in den Städten und bei der Jugend. Sie zeige sich taub für das Lebensgefühl der Wähler, wenn sie mit einer Koalition mit den Freien Wählern einfach weitermache. Das hat sich gelohnt. Der Rest war Kirchweihfest in Halbtrauer. Dass die Freien Wähler keine Utopien fordern, wie ihr Parteivorsitzender formuliert, hätte Nachfragen verdient, was er in der bayerischen Politik für utopisch hält. Aber, und das ist das Fazit dieses Wahlabends im Bayerischen Fernsehen, das Nachfragen lohnt sich, auch wenn es etwas zu schwer zu fallen scheint.

Wie sagte Claus Kleber im ZDF? Der interessanteste Tag einer Wahl ist der Tag danach. Der Wahlabend in München freilich war so uninteressant nicht.

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