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Bayern-Wahl bei ARD, ZDF, BR : Als die Grünen fast allein gewannen

  • -Aktualisiert am

Am frühen Abend kommen die Grünen mit dieser aufgepumpten Selbstgewissheit auch bei den Journalisten so problemlos durch, dass man den Eindruck bekommt, eine schwarz-grüne Koalition müsse auch in Bayern nun einfach kommen. In der „Berliner Runde“ der ARD fragt Tina Hassel beinahe patzig, warum die CSU nicht mit den Grünen eine Regierung bilden wolle (in dem Augenblick kommen einem wieder die Juchz-Tweets in Erinnerung, welche die Journalistin auf dem letzten Bundeskongress der Grünen absetzte).

Im „heute journal“ kommentiert der ZDF-Chefredakteur Peter Frey so, als hätten sich die Dinge seit achtzehn Uhr nicht verändert. Er schenkt der CSU ein, dass es eine Freude ist. Sie habe auf Angst statt Zuversicht gesetzt, diejenigen verprellt, denen das „C“ im Namen der Partei noch etwas bedeute und den Rechtspopulisten die Stichworte für deren Aufstieg gegeben. Die Niederlage sei selbst gemacht. Er warnt vor einem unkontrollierten Machtverfall der Bundeskanzlerin und sieht die SPD am Ende, von jetzt an sei in Deutschland alles möglich, formuliert Frey dramatisch. Inhalt und Form nach entspricht das dem, was man von den Grünen zu hören bekommt.

In der Sendung selbst bricht sich jedoch die Erkenntnis Bahn, dass die CSU zwar nicht mehr alleine, aber mit einer Partei weitermachen kann, die von sich sagt, sie sei die „vernünftige“ Ergänzung der Christsozialen. Darauf hebt der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, ab. Sein Motto: Pack mas, passt scho. Schaut man in das Programm seiner Partei, zumal auf die Forderungen zur Innenpolitik, darf man den Eindruck haben, dass in Bayern nicht nur die AfD rechts von der CSU steht. Der Regierungsauftrag, für „Stabilität“ zu sorgen, von dem Markus Söder fortwährend spricht, dürfte sich im Bündnis mit den Freien Wählern leicht erfüllen lassen. Was den Journalisten im Studio vielleicht noch nicht aufgegangen ist: In Bayern hatten die Wähler, die nicht mehr CSU (oder SPD) wählen wollten, nicht nur die Grünen oder die AfD als Alternative, sondern eine „Vor-Ort-Partei“ ganz eigenen Zuschnitts.

Erwin Huber die CSU auf

Es kommt nicht ganz so schlimm für die CSU, wie noch vor kurzem zu erwarten war, es ist deshalb ein verhaltener Schock, der die CSU, aber viel mehr noch die SPD ereilt. Die Spitzenkandidaten schütteln sich kurz und kehren dann zu den üblichen Tönen zurück. Es sind die Ausreißer aus dem Gewohnten, die den Abend spannend machen. Wer hätte gedacht, dass die Grünen der CSU sogar Direktmandate abjagen? Es sind nicht die Spitzen der Partei, also Horst Seehofer und Markus Söder, die auf den Schock angemessen reagieren, sondern mit Erwin Huber einer ihrer Vorgänger, der seinen Parteifreunden im Bayrischen Rundfunk ins Gewissen redet, dass es ein „Weiter so“, in einer Koalition mit den Freien Wählern, nicht geben dürfe. Der Kabarettist Django Asül macht sich lustig darüber, dass Seehofer und Söder nicht als Freunde bezeichnet werden wollen, dennoch aber nicht Feinde seien.

Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuther konstatiert erstaunt, wie wenig die wirtschaftliche Lage Bayerns bei der Stimmabgabe zählt. Die Wähler wollen ihrer Staatspartei eine Lektion erteilen, die an diesem Abend wortreich umgangen wird. Ob es zu einem Wiedereinzug der FDP kommt, ist noch nicht ganz so sicher. Das Zittern ist geübt und vertraut.

Auch die AfD scheint noch nicht ganz verstanden zu haben, was das Wahlergebnis für sie bedeutet. Sie fällt hinter die bei der Bundestagswahl erzielten Werte zurück. In einem Wahlkampf, der zeitweilig besonders die AfD-Thematik erörterte, kann sie im Ergebnis nicht überzeugen. Liegen die Spitzen ihrer Erfolge schon hinter ihr? Das wäre ein erstaunliches Signal, das die Hessen sich genauer anschauen sollten.

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