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Bayern Klassik geht ins Netz : Der nächste Angriff auf die Presse

Blick auf die Website von BR Klassik Bild: Archiv

Der Bayerische Rundfunk will den Radiokanal BR-Klassik zum Internetportal umgestalten. Im Radio soll es dafür eine Jugendwelle geben. Das klingt paradox. Und ist eine Kampfansage.

          3 Min.

          Der Bayerische Rundfunk geht mit der Zeit. Das heißt: Der Sender geht ins Internet. „Trimedial“ stellt der Intendant Ulrich Wilhelm die Sendeanstalt auf, Fernsehen, Radio und Netz greifen ineinander. Das ist für ein Medienunternehmen heutzutage nichts Besonderes, zeitigt beim Bayerischen Rundfunk aber einen besonderen Effekt: Die Radiowelle BR-Klassik soll ganz und gar ins Internet wandern und auf der UKW-Welle einem Jugendkanal Platz machen. Schon das wirkt paradox: Eine klassische Radioklientel wird aufs Netz verwiesen, das für die Jugend längst das natürliche Medienhabitat ist. Sollte es nicht umgekehrt sein? Der Plan, der dem Rundfunkrat des Senders vorliegt, hat aber noch einen zweiten Haken: Er führt dazu, dass der Bayerische Rundfunk auch auf diesem Feld massiv auf Texte setzt, dass er Zeitungen, Magazinen und privaten Online-Portalen das Wasser abgräbt.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Papier mit dem Titel „Telemedienkonzept des Bayerischen Rundfunks, BR-Klassik“, das den Rundfunkräten vorliegt, malt die Umstellung in den schönsten Farben und erklärt im besten Fach-Slang: „Vor dem Hintergrund einer geringen Reichweite auf einem insgesamt stagnierenden analogen Radiomarkt ist es notwendig, die Marke BR-Klassik digital zu stärken.“ Und: „Im Vergleich zum bisherigen BR-Klassik-Online-Angebot sollen erweiterte Zielgruppen und ein breiteres Publikum mit passenden Angeboten angesprochen werden.“ Das nütze den Klangkörpern (also Orchestern), steigere den „Programmmehrwert“ von BR-Klassik und erfülle den Kulturauftrag des Senders.

          Gut gebündelte Themenvielfalt

          Das klingt gut, muss aber auch damit begründet werden, dass BR-Klassik online angeblich leistet, was andere, private Sender, Portale, Magazine und Zeitungen inhaltlich nicht in die Waagschale werfen. Immerhin 124 potentielle Konkurrenten macht das Telemedienkonzept des BR aus, 53 davon bezieht es in einen engeren Vergleich ein - 22 gedruckte Medien (darunter diese Zeitung), achtzehn Online-Angebote, sieben öffentlich-rechtliche und vier private Rundfunkprogramme, ein Angebot aus der Musikbranche und eines einer nichtkommerziellen Organisation. 31 Angebote hält das Planungspapier des BR für richtiggehend vergleichbar mit dem, was BR-Klassik im Schilde führt: vertiefende und kontinuierliche Information über klassische Musik, die Oper, die Orchester und das Musikleben. Doch behauptet das Papier auch, dass eines nur BR-Klassik gelinge: Dossiers, „multimedial angelegte Themenbündelungen“ und die Abbildung der Themenvielfalt, welche die klassische Musik auszeichnet. Ergo: BR-Klassik online muss sein.

          Damit setzt der Sender eine Prozedur in Gang, die wir aus den vergangenen Jahren zu Genüge kennen: Die ARD (weniger das ZDF) hat, finanziert aus dem Rundfunkbeitrag, ein um das andere neue Online-Angebot aufgelegt, Redaktionen aufgebaut und Fernseh- und Radiobeiträge um Texte noch und nöcher ergänzt. Das ist von Hause aus die Aufgabe und sorgt für das Auskommen der freien Presse - und hat selbstverständlich die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage auf den Plan gerufen. Sie haben im Rahmen des sogenannten „Drei-Stufen-Tests“, dem die neuen Angebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio unterzogen werden, Einwände dergestalt gemacht, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk hier auf ein Terrain begebe, das ihm nicht zustehe. Acht Verlage (darunter derjenige dieser Zeitung) haben gegen die „Tagesschau“-App prozessiert, mit überschaubarem Erfolg. Die Rundfunkräte der Sender haben meterweise Aktenmaterial gewälzt, monatelang beraten und am Ende - Überraschung, Überraschung - mit in der Regel winzigen Abstrichen abgesegnet, was die Sender haben wollten.

          Internet als Orchesterretter

          Das dürfte im Fall von BR-Klassik jetzt ganz genauso laufen. Dabei wird den Rundfunkräten der Plan insbesondere mit dem Argument plausibel gemacht, er nütze vor allem den „BR-Klangkörpern“ - also den Orchestern des Rundfunks, von denen der benachbarte Südwestrundfunk in Baden-Baden, Freiburg und Stuttgart gerade zwei zu einem fusioniert. An diesem cleveren Schachzug merkt man vielleicht auch, dass der BR-Intendant Wilhelm aus der Politik kommt: Online rettet Orchester! Wäre das nicht eine schöne Schlagzeile? Darüber ließe sich dann auch vergessen, dass der BR mit einer Jugendwelle im Radio private Sender angreift.

          Wie das beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so ist, wird das Ganze übrigens finanziell angenehm unterfüttert. 2013 schlagen, wie es in dem BR-Papier heißt, die „Telemedienkosten für BR.de“ mit rund 13,1 Millionen Euro zu Buche, für 2016 sind sie mit knapp 14,3 Millionen angesetzt. Allein die Umstellung des Radiosenders BR-Klassik auf ein Online-Portal kostet etwa 1,15 Millionen Euro. Gedeckt sei dies vom vorhandenen Etat des Senders. Der lag zuletzt bei rund einer Milliarde Euro. Da ist die Veronlinung von BR-Klassik ein Klacks, zumindest finanziell.

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