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Bayerischer Rundfunk : Fliegen die Politiker jetzt alle raus?

Fühlte sich offenbar wohl: Markus Söder im bayerischen Heimatfernsehen Bild: Marco Orlando Pichler

In Bayern gibt es nach der Gastrolle des CSU-Ministers Söder in der TV-Serie „Dahoam is dahoam“ richtig Krach. Nun schimpft der Ministerpräsident: Er komme sich vor wie ein „infiziertes Geschöpf“.

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          Der Auftritt des bayerischen Finanzministers Markus Söder in der Heimatserie „Dahoam is dahoam“ entwickelt sich zur Staatssender-Posse. Nachdem der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, gesagt hatte, Politiker seien in Unterhaltungssendungen beziehungsweise in dieser Serie fehl am Platz, sah sich der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer veranlasst, dem Intendanten einen deutlich formulierten Protestbrief zu schicken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit seiner Entscheidung stelle Wilhelm „alle Politiker ins Abseits“, zitiert der „Focus“ den Ministerpräsidenten. Wer erkläre, Politiker hätten in Unterhaltungssendungen nichts verloren, der diskreditiere sie. „Ich komme mir da als Politiker vor wie ein infiziertes Geschöpf, mit dem keiner in Berührung kommen soll.“ Gerade Wilhelm als ehemaliger Regierungssprecher müsse wissen, dass Politiker „ernst zu nehmen und zu respektieren“ seien - und nicht als „Outlaws“ behandelt werden dürften. Die Staatskanzlei bestätigte das Schreiben.

          Als Ausschlussklausel wollte Wilhelm seine Äußerung aber gar nicht verstanden wissen, wie er vor dem Rundfunkrat seines Senders sagte, der am Donnerstag eine turbulente Sitzung absolvierte. „Ich habe nicht entschieden, Politiker hätten generell in Unterhaltungssendungen nichts verloren.“ Es gehe um die Verknüpfung von Drehbuchtexten mit politischen Inhalten. „Das tut am Ende dem Bayerischen Rundfunk nicht gut, das tut der Serie nicht gut.“

          Die Programmbereichsleiterin Spiel-Film-Serie des BR, Bettina Ricklefs, entschuldigte sich, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, vor den versammelten Rundfunkräten: „Ich bedauere zutiefst, dass es zu diesem Wirbel gekommen ist. Es tut mir leid, dass das passiert ist.“ Die Fernsehdirektorin Bettina Reitz sagte, die Redaktion habe „die Wirkung einer einzelnen Folge unterschätzt“.

          Wahlwerbung sähe kaum anders aus

          Das hatte sie wohl. Was einen allerdings schon erstaunen kann, wenn man auf den Text schaut, mit dem die Drehbuchautoren Söder in die Folge der Serie geschrieben hatten. Da erläuterte er im Dialog lang und breit und ziemlich aufgesetzt die Vorzüge der Regierungspolitik, vor allem, was diese gegen die Landflucht und für junge Leute unternehme. Einen Wahlwerbespot würde man nicht viel anders anlegen.

          Die SPD und die Grünen hatten den Auftritt heftig kritisiert und das Nachspiel im Rundfunkrat angekündigt, zu dem es am Donnerstag gekommen ist. Der Bayerische Rundfunk hatte Söders Bildschirmeinsatz zunächst verteidigt: Politiker könnten durchaus in der Unterhaltung auftauchen, auch Auftritte von Politikern anderer Parteien seien möglich. Dann kam, als der Unmut immer lauter wurde, die Rolle rückwärts.

          Das Bayerische Fernsehen habe sich „blamiert bis auf die Knochen“, sagte der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold. Und zu allem Überfluss hat der BR gerade eine interne Qualitätssicherungsstudie in Auftrag gegeben, die dem Sender bescheinigt, er werde nicht gerade als politisch ausgewogen wahrgenommen. „Das Bayerische Fernsehen wird verbreitet, der Hörfunk vereinzelt als ,schwarz gefärbt` wahrgenommen.“ Auf das Publikum wirke das „lächerlich“, heißt es in der nicht repräsentativen Untersuchung, aus welcher der „Münchner Merkur“ zitiert.

          Ramelow hat es da leichter

          Dies sei das Ergebnis verschiedener Publikumsbefragungen, sagte der BR-Intendant Wilhelm dazu vor dem Rundfunkrat. Die Befragten seien ausdrücklich gebeten worden, Kritik zu äußern. Er halte es „für offensiv und mutig, ein solches Instrument einzusetzen“, sagte Wilhelm laut dpa. „Wir erkennen ganz gut unsere programmlichen Schwächen, arbeiten auch daran.“ Bei repräsentativen Umfragen sei die politische Haltung des Senders besser beurteilt worden. Die große Mehrheit halte die Berichterstattung des Senders für ausgewogen.

          Wie viel leichter hat es angesichts solch bayerischer Querelen doch der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, von der Linkspartei. Der Lokalsender „Salve TV“ beglückt ihn seit kurzem mit einer eigenen Sendung, in der er sich und seine Politik ohne jede Einrede bewerben darf. Und der thüringischen Landesmedienanstalt, welche die Rechtsaufsicht über den Sender führt, fällt dazu nichts anderes ein, als beim Sender mal ganz dezent nachzufragen, was das den bitte soll. Die Antwort steht dem Vernehmen nach aus. Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Jürgen Brautmeier, hat diese Art privates Staatsfernsehen auf den Begriff gebracht: Es sei ein „Tabubruch“, sagte er im Gespräch mit FAZ.NET. Sollte das Ramelow-TV weitergehen, ist in dieser Hinsicht alles möglich und wirkt das Söder-TV auf einmal ganz klein.

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