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Bauernfunktionäre teilen aus : Erzählen Sie das mal einem Journalisten!

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Wissen Journalisten, wovon sie schreiben? Werner Schwarz (Mitte, mit dem Landwirtschaftsminister des Landes Robert Habeck), Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, bezweifelt das. Bild: dpa

Umringt von miesen Reportern: Bauernfunktionäre dreschen auf die Presse ein und verlieren die Lust am Lesen. Ist die Medienschelte ein Ablenkungsmanöver?

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          Die Landwirtschaft ist in einer zweifachen Krise. Die eine ist die Preiskrise. Seit mehr als einem Jahr verdienen viele Landwirte an Milch und Fleisch kaum mehr einen Cent, die Einkommen sind innerhalb eines Jahres um vierzig Prozent eingebrochen. Es gibt zu viel von allem, und viele Höfe müssen aufgeben, Funktionäre und Agrarpolitiker aller Parteien sprechen von einem dramatisch beschleunigten Strukturwandel. Die zweite Krise ist die Sinnkrise. Auf unzähligen Foren und Podiumsdiskussionen fragen Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler: Wird in Zukunft noch so viel Fleisch gegessen oder die neuen, perfekten Imitate? Braucht die Landwirtschaft eine radikale Wende von der Masse zur Qualität, um auch wirtschaftlich überlebensfähig zu sein? Oder steigen die Weltmarktpreise bald wieder, und alles wird gut?

          Krisen animieren dazu, radikale Fragen zuzulassen – aber sie beflügeln auch das Schwarzweißdenken. So scheint es nicht nur vielen Bauern zu gehen, die in Internetforen ihre Wut rauslassen, sondern auch manchen Funktionären. Sie treten in der Krisenzeit mit grundsätzlicher, abstrakter Kritik an den Medien in Erscheinung. In den Bauernmedien ist häufig die Rede von „Diffamierung“ oder „Verunglimpfung“, die angeblich pauschal stattfinde, wenn „negativ“ über Massentierhaltung oder Schlachthäuser „berichtet“ werde, von einer „verantwortungslosen“ Presse.

          Allerdings wird das meist einfach so behauptet und selten belegt – und wenn, dann anhand weniger Texte. Bei Werner Schwarz etwa, dem Bauernpräsidenten in Schleswig-Holstein, klingt die Medienschelte so – gerichtet an Landwirte: „Ich kann Ihnen heute sagen, dass unsere Landwirtschaft so gut ist wie vielleicht nie zuvor und dass sie weltweit ihresgleichen sucht. Sie werden mir das glauben, denn Sie kennen die Fakten. Aber erzählen Sie dies einmal einem Journalisten, einem Tier- oder Umweltschützer.“ Das Narrativ der Bauernfunktionäre lautet: Journalisten wissen in der Regel nicht oder kaum, wovon sie schreiben. Sie treiben ein zynisches Geschäft mit Skandal-Schlagzeilen.

          „Gift einer Reportage in die Köpfe der Leser“

          Die andere Variante der Medienschelte geht so: Die Journalisten wissen nicht, was sie tun. Michael Lohse, seit fast 25 Jahren Pressesprecher des Deutschen Bauernverbandes, erklärte etwa dem Fachblatt „PR-Magazin“, die Entwicklung der Landwirtschaft „können die Journalisten nicht mehr im Detail nachverfolgen, weil die Redaktionen personell ausgedünnt wurden und wenige Redakteure für mehr Themen zuständig sind“. Dabei sind es in Wahrheit gerade die Publizisten und Journalisten, die sich seit vielen Jahren mit der Landwirtschaft befassen und sie gut kennen, die nicht nur affektiert ablehnend, sondern wirklich kritisch mit ihr sind.

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