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Banker-Serie „Industry“ : Nur wer sich selbst verleugnet, macht Karriere

  • -Aktualisiert am

Spielen zwei der Auserwählten: Harry Lawtey und Myha’la Herrold. Bild: Sky/HBO

Die Serie „Industry“ schaut auf den Menschenverschleiß in der Investmentbanker-Branche. Hier geben junge Leute alles, und sei es ihr Leben.

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          London, kurz vor dem Brexit. Sie bezeichnen sich als „All-Nighter“ – die internationalen Praktikanten und Trainees bei großen Banken und Finanzdienstleistern, denen der übliche Fünfzehn-Stunden-Arbeitstag wie Erholung vorkommt. Es gilt: Unterhalb der Hundert-Stunden-Woche und ohne durchgearbeitete Nächte ist man ein Weichei ohne Biss. Am Gehalt kann es kaum liegen. Auf den Stundensatz bezogen, ist der nicht höher als in anderen Branchen. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Entweder man gehört dazu und empfiehlt sich für die Festanstellung – oder ist raus. Fehler, so heißt es in einer der Folgen der Serie „Industry“, können sich nur Privilegierte erlauben. Für alle anderen gilt Selbstüberwindung als Arbeitsplatzbeschreibung.

          Safe sind Vorgesetzte, die sich der Jugendbekanntschaft David Camerons oder Boris Johnsons erfreuen. Wie Clement Cowan (Derek Riddell), der mit seinen Traineeschützlingen nur redet, wenn sie auf den richtigen Schulen waren. Seine Nachwuchsförderung besteht darin, den Eton-Absolventen Robert Spearing (Harry Lawtey) beim Traditionsschneider Maß nehmen zu lassen. Der Stoff steht ihm gut. Eignungstest bestanden. Schließlich geht es darum, Kunden zu überzeugen. Wer nur auf Fachwissen und Einsatz angewiesen ist, gilt schnell als Risiko. Originalität ist Trumpf. Niemand ist schließlich so treulos wie ein Kunde, der das Vertrauen in die Unterhaltungsqualitäten seiner Betreuer verloren hat. Das erfährt auch die brillante Harper Stern (Myha’la Herrold), Absolventin einer weniger wichtigen amerikanischen Uni, mit gefälschtem Zeugnis dazu. Ihr neuer Chef Eric Tao (Ken Leung) ist ein eiskalter Typ, aber fördert sie über die Maßen. Selbst zum Meeting mit der Milliardärin Nicole Craig (Sarah Parish) nimmt Eric Harper mit, vertraut ihr sogar den Pitch einer Produktidee an. Was macht es da, dass die Kundin der Trainee betrunken zwischen die Beine greift? Kollegin Daria Greenock (Freya Mavor) durfte nicht mal mit ins Restaurant. Wen interessiert Belästigung, wenn sie der Karriere nützlich ist? Realitätscheck, wehren, weitermachen, Beziehung nutzen. „In or out“: Harper entscheidet sich bewusst für den Karrieretrip mit Sex, Drogen und Geschäften, an dessen Ende alle handelnden Personen als kaputte, oberzynische Typen dastehen. „Masters of the Universe“? Nein, bloß Diener der Hierarchien und Sklaven ihrer Firmen.

          Für Yasmin Yazdani (Marisa Abela) sieht es nicht rosig aus, trotz privilegierter Herkunft. Das „Prinzesschen des Schweizer Eliteinternats“ wird vom Abteilungsleiter Kenny Kilblane (Conor MacNeill) schikaniert. Der Ire hat sich hochgearbeitet. Minderwertigkeitsanfälle kompensiert er mit Alkohol und sexueller Herabsetzung. Hari Dhar (Nabhaan Rizwan) und Gus Sackey (David Jonsson) sind im Investmentzweig gelandet. Gus hat in Oxford die Antike studiert und seine Karriere detailliert geplant, stolpert aber über seine Gefühle für Theo Tuck (Will Tudor), der beider erotische Zügellosigkeit genießt, aber eine konventionelle Ehe plant. Hari kompensiert Outsidergefühle durch Anstrengung. Nächtelang arbeitet er an einer Investorenbroschüre, wirft Pillen ein und übt Sekundenschlaf in der Toilettenkabine. Völlig überdreht wählt er kurz vor Drucklegung die falsche Schriftart. Als er tot in der Kabine gefunden wird, sind die Vorgesetzten aufgeschreckt. Direktorin Sara Dadwal (Priyanga Burford) mahnt die Trainees, nicht mit der Presse zu sprechen. Zum Glück für die Firma hatte Hari ein schwaches Herz. Es lag nicht an „Pierpoint & Co.“. Bald allerdings erscheint im „Guardian“ ein Artikel über die Arbeitsbedingungen. Beim „Karrieretag“ werden Trainees mit Farbbeuteln beworfen. Es gibt bohrende Fragen zu Gleichstellung und Rassismus. Niemand außerhalb der Finanzblase, so zeigt es die Serie, kann so naiv sein, über die toxische Unternehmenskultur hinwegzusehen.

          „Industry“ ist eine BBC-Koproduktion für HBO, die die sechs Monate Probezeit handverlesener Trainees bei einem Londoner Finanzdienstleister umfasst. Sechs Monate, nach denen nur die Hälfte der Nachwuchsleute einen Job bekommt. Die Serie ist ein wilder Desillusionierungsritt, authentischer als „Bad Banks“, primär an den widersprüchlichen Figuren interessiert. In der Auftaktfolge führt Lena Dunham („Girls“) Regie. Unübersehbar ist die feministische explizite Inszenierung von nackten Körpern und Sex. Ungeschönt nackt sind hier nur Männer zu sehen. Frauen nehmen sich ihre Chancen auf Befriedigung so selbstbewusst wie den Beruf, von bedeutungslosem Körperkontakt bis zur verzehrenden Leidenschaft. Wo man sich am Arbeitsplatz keine Sekunde ohne Selbstbeherrschung zeigen darf, ist die Lust ein Tummelplatz. Von Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (das Buch spielt hier eine gewisse Rolle) über Tom Wolfes New-York-Epos „Fegefeuer der Eitelkeiten“ ist es zu dieser Serie nur ein gedanklicher Katzensprung. „Industry“ zeigt darüber hinaus die Mär von der Meritokratie als Manipulationsinstrument der Vorgesetzten, die es längst besser wissen. Hier zählen immer noch Geburt und Verbindungen. Das Klassensystem lebt wie zu Becky Sharps Zeiten Mitte des 19. Jahrhunderts – kaum irgendwo sonst so rücksichtslos wie in diesem Porträt der Londoner City.

          Industry, mittwochs, 20.15 Uhr, Sky Atlantic

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