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Bankenkrise bei Plasberg : Vertrauen? Lieber nur der Sparkasse!

Verzocken Banker unseren Wohlstand? Das fragte Frank Plasberg seine Runde Bild: obs

In der gestrigen „Hart aber fair“-Runde ging es um die Finanzkrise. Doch die undurchsichtige Börsenwelt wurde nicht durchschaubarer. Immerhin stimmte keiner die billige Rede von der höheren Vernunft des Marktes an. Aber der moralische Kern der Krise kam auch kaum zur Sprache.

          Was hätte diese Sendung ohne den Gast gemacht, der am Morgen noch gar nicht angekündigt gewesen war? Hilmar Kopper, früherer Sprecher des Vorstands der Deutschen Bank und danach deren Aufsichtsratsvorsitzender, riss mit seinen dreiundsiebzig Jahren die Gesprächsrunde in „Hart aber fair“ gleich am Anfang an sich, und es war wohl die einzige Form von Altersmilde, die er zeigte, dass er sich in der zweiten Hälfte etwas zurückhielt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Jedenfalls war mit seinem Erscheinen die eigentlich dem Unternehmensberater Ulrich Stockheim zugedachte Rolle als Verteidiger des Bankgewerbes neu vergeben. Der ehemalige Wall-Street-Korrespondent der Wirtschaftszeitschrift „Capital“ hatte gar nicht das Format, mit einem Grandseigneur des Finanzwesens zu wetteifern, der vom Poltern bis zum Charmieren alle Register beherrscht. Kopper trat auf als Wirtschaftsfachmann alter Schule, der sein eigenes Vermögen in „etwas Aktien, ein paar Fonds und vor allem festverzinslichen Wertpapiere“ angelegt hat - „kein einziges Zertifikat!“

          Kein Wunder, dass am Schluss seine beiden härtesten Gegenspieler in der Runde, der Bremer Wirtschaftwissenschaftler Rudolf Hickel und die ARD-Bösenexpertin Anja Kohl, ausgerechnet ihm ihr Kapital anvertraut hätten, wenn es darum gehen sollte, es solide anzulegen. Die Frage ist nur: Warum handelten die Banken nicht so, wie es Kopper als eines ihrer Aushängeschilder tut?

          Der Kern der aktuellen Finanzkatastrophe: Moral

          Diese Frage führt zum Kern der aktuellen Finanzkatastrophe: zur Moral. Sie spielte in Plasbergs gestriger Sendung nur selten eine Rolle, wurde gleichsam pflichtgemäß abgehandelt, ehe wieder eines der zahllosen Einspielfilmchen mit Informationshäppchen zwischengeschaltet wurde, die alle versuchten, was Frau Kohl zuvor noch für unmöglich erklärt hatte: die Funktionsweise der modernen Geldanlagemodelle in zweieinhalb Minuten zu erklären. Der Witz ist: Warum Derivate, Zertifikate, Junk-Anleihen und ohne Rücksicht auf Bonität gebündelte Hypothekendarlehen desaströse Ergebnisse erzielen können, ist rasch erklärt. Weshalb sie aber auch gute Renditen erzielen können, für dieses Verständnis braucht es Stunden - wenn man es jemals kapiert.

          Geldanlage, das ist heute mehr denn je seit dem mittelalterlichen Ablasshandel Glaubenssache: Man wünscht sich, dass es gut gehen möge, und darin werden die Investoren oder Sparer von den Banken bestärkt. Und vom Fernsehen natürlich, denn wenn auch Frau Kohl betonte, dass sie in ihren Sendungen nie über Zertifikate berichtet habe, eben weil sie deren Prinzip in kurzer Zeit nicht verständlich machen könne, so hat sie doch auch nie in ihren Sendungen davor gewarnt. Was dafür spricht, dass sie diese Anlegeform nicht nur nicht verständlich machen konnte, sondern gar nicht verstanden hat. Aber wenn das der Fall war, hätte sie vor den Zertifikaten erst recht warnen müssen. Aber alle Anleger und die entsprechenden Ratgeber waren eingelullt durch den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten drei Jahre.

          Was jenseits allen Geredes von Renditen und Garant-Anleihen der Debatte unverfügbar und damit als feste Größe bleibt, ist eben die Moral. Man kann es nicht anders als unmoralisch nennen, wenn ein Bankenchef jene Anleiheformen scheut, die seine Untergebenen munter an die Kundschaft verscherbeln - es sei denn, dieser Chef wüsste nicht, was am Schalter passiert, oder die Bankangestellten kennten die erfolgreicheren Alternativen nicht. Beides wären gute Gründe für einen Kunden, die Bank zu wechseln. Fragt sich nur, wohin.

          Hans Eichel vertraut lieber seiner Sparkasse

          Hans Eichel, ehemaliger Bundesfinanzminister, kündigte an, etwaiges Vermögen nur „meiner Sparkasse“ anzuvertrauen. Aber der Glaube an die prinzipielle Überlegenheit des staatlichen Bankensektors ist genauso Illusion wie Koppers pauschale Aburteilung dieser den privaten Kreditinstituten unerwünschten Konkurrenz.
          Es war jedenfalls rührend zu beobachten, wie jeder der Experten sich über die Auswüchse des Finanzmarktes empörte, alle aber die Schuld jeweils bei der Gegenseite suchten. Kopper konnte man es noch am wenigsten übelnehmen, dass er sich sofort die Themenvorgabe der Sendung zunutze machte und den Akzent vom Versagen der Banker auf die Gier der Kundschaft nach hohen Renditen verschob. Eine zugesagte Verzinsung von sechs Prozent sei ein Alarmzeichen ersten Ranges, denn ein so weit über dem Basiszinssatz liegender Wert sei ohne großes Risiko nicht zu erzielen.

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