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„Balthasar Berg“ im ZDF : Ich esse, also bin ich

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Liebe geht durch den Magen: Balthasar Berg (Dieter Pfaff) und die verdächtige Marie van Sant (Saskia Vester) Bild: ZDF

Die seltenen Momente des Glücks: In „Balthasar Berg – Sylt sehen und sterben“ trifft Dieter Pfaff seine Traumfrau. Die rührt eine unerhört heiße Schokolade an.

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          Die Figur des Nörglers und die des Satirikers haben einiges gemeinsam. Vor allem ihre Haltung zum Leben. Beide sind enttäuschte Idealisten. Auf ihrer (Ab-)Rechnung ist immer etwas Grundsätzliches offen. Das Leben, so wie es ist, zeigt ihnen immer die Defizite, das Nichtaufgegangene gegenüber dem Leben, so wie es sein sollte. Am nachdrücklichsten zusammengeführt hat Karl Kraus die beiden im „Nörgler“ im Welttheaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“.

          Auch Balthasar Berg (Dieter Pfaff) ist ein Nörgler von Gnaden. Früher einmal Kriminalkommissar in Dortmund, gab er den Beruf wegen „zu viel Phantasie“ zugunsten einer Karriere als Verfasser von Kriminalromanen auf. Nach mehreren Bestsellern ereilt ihn nun die Schreibblockade: als Ahnung vom Unsinn seines Tuns. Balthasar Berg ist ein einsamer Mensch; verlustig seiner Beschäftigung, wird er zum stumm Wartenden. Noch dazu gesegnet mit einem Agenten mit unablässig fließender Suada. Renner (Fritz Karl als lebemännischer Windhund) verspricht stets das Blaue vom Himmel und hält nichts. Für einen wie Berg eine Qual und ständiger Beweis für die sicherheitshalber unterstellte Schlechtigkeit der Welt.

          Trüffel in purer Sahne

          Momente des Glücks sind selten, aber es gibt sie. Berg ist ein emotionaler Esser. Seine Körperfülle zeugt davon (auch in anderen Filmen hat Pfaff schon konsequent den Dicken, dessen Zweifel nur im Moment des kulinarischen Genusses auf Zeit verschwinden, gegeben). In „Balthasar Berg – Sylt sehen und sterben“ sieht man die Titelfigur beim Schokoladeessen. Wie sich Pfaffs Gesicht dabei verändert, wie Offenbarung und Verletzlichkeit in seinen Zügen zusammenfinden, ist eindrucksvoll.

          Doch um Essen und Genuss als Rückkehr ins Paradies des Dünnhäutigen geht es in „Balthasar Berg“ nicht allein. Wenn wahr ist, das Essen der Sex der Älteren ist, dann ist dieser Film ein hocherotischer. Denn Berg, wider Willen vom Agenten nach Sylt geschickt, um angesichts der überwältigenden Strandkulisse die Schreibblockade zu überwinden, trifft dort auf seine Traumfrau: Die Mitarbeiterin einer Luxusschokoladenmanufaktur (Saskia Vester als Sanftheit in Person), nicht mehr ganz jung, aber unübertroffen in der Zubereitung einer heißen Schokolade, bei der Trüffel in, so scheint es, purer Sahne geschmolzen werden.

          Der Voyeur schaut dem Vorgang zu. Kein Ablegen der Kleider könnte der Situation für ihn mehr Spannung verleihen. Schließlich kommt es zum Äußersten: Beide trinken und sprechen über die Rezeptur. Später wird jene Marie van Sant, nebenbei Hauptverdächtige in einem Mordfall, Berg des Abends allein in der Manufaktur in die Kunst der Schokoladentafelnzubereitung einweihen.

          Während „Balthasar Berg“ eindeutig auf Pfaff zugeschnitten und ganz offensichtlich ein Film über die Wonnen des Essens jenseits der bloßen Nahrungsaufnahme ist, ist er eins nicht: Ein Krimi, dessen Handlung auch nur ansatzweise erwähnenswert wäre. Die unvermeidliche reiche Tote am Strand, die Querelen um deren Erbschaft, die üblichen Verdächtigen – alles ähnlich dutzendfach und vielfach besser gesehen. Lediglich die ortsansässigen Polizisten (Jan Georg Schütte und Jan Peter Heyne) bringen eine Note trockenen Humors in den Film.

          Auch die Zimmerwirtin (Petra Kelling), brummige Exschwiegermutter des nachgereisten Agenten Renner, hat eine tragende Rolle. Sie ist es, die Berg dazu bringt, sich von einer französischen Bulldogge an der Leine über die Insel ziehen zu lassen. Soll es dabei bleiben, dass es sich hier um den Auftakt zu einer „Schmunzelkrimireihe“ handelt, würden wir dringend empfehlen, das „Schmunzeln“, sowie alle Mätzchen (unerzogener Hund) zu streichen und stattdessen den existentiell-kulinarphilosophischen Ansatz zu betonen. Auch dieser käme bei der Zielgruppe Ü-60 bestens an und hätte zudem den Vorteil einer gewissen Originalität.

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