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„Baader-Meinhof-Komplex“ bei Anne Will : Sie wurden einfach umgemäht

Die beste Gesprächsrunde von Anne Will seit langem Bild: picture-alliance/ dpa

„Der Baader-Meinhof-Komplex“ kommt erst am Donnerstag in die Kinos. Am Sonntagabend aber hat er uns schon die beste Sendung von „Anne Will“ seit langem verschafft: So nahe bei der Sache des deutschen Linksterrorismus, bei den mörderischen Folgen der eingebildeten Revolution der RAF waren wir lange nicht.

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          Im Fernsehen und darüber hinaus deutet sich eine Zäsur an: Es scheint endlich möglich zu sein, über den Linksterrorismus in Deutschland, der die Bundesrepublik vom Ende der sechziger bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein herausforderte, zu sprechen, ohne noch einmal den ganzen rhetorischen Einfühlsamkeitsbombast aufzuschütten, der zu nichts anderem führte, als dass die Täter immer größer und ihre Opfer immer kleiner erschienen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es sind namhafte und namenlose Generations- und Zeitgenossen, die bis heute der „Sache“ der RAF, was immer das gewesen sein mag, irgendetwas abgewinnen können und sich vor der Einsicht sperren, dass dies ein einziger mörderischer Wahnsinn war, keine Revolution im Namen des Volkes, sondern der perverse Selbstverwirklichungstrip von Bürgerkindern, die am Ende ihres Weges den Nazivorvätern viel näher waren als sie es sich je hätten vorstellen können. Damit hat es langsam aber sicher ein Ende und darin liegt die Zäsur. „Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren“, heißt es zu dem Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Und so lautet auch die Botschaft des ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust, auf dessen Buch der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ beruht.

          Die Opfer erscheinen als „Schießbudenfiguren“

          Das Tragische ist, dass Aust, der Regisseur Uli Edel und der Produzent Bernd Eichinger in ihrem Bestreben zu zeigen, was war und wie es war, den Opfern niemals gerecht werden. Und in den Augen der Angehörigen stets zu kurz greifen werden. Clais von Mirbach, der Sohn des bei dem Angriff eines RAF-Kommandos auf die deutsche Botschaft in Stockholm am 24. Juli 1975 hinterrücks ermordeten Militärattachés Andreas von Mirbach, machte das ganz deutlich.

          Eine Stunde lang dauerte das Martyrium seines von den Terroristen durchsiebten Vaters, im Film ist es eine Sequenz von wenigen Sekunden. Die Opfer, sagte von Mirbach, erschienen wie „Schießbudenfiguren, die man wegmäht“. Den geschichtlichen Komplex dieser Zeit zu erklären, dafür reiche die Täterperspektive nicht aus. Es gelte vielmehr, die Täter mit ihren hehren Einlassungen an ihren Handlungen zu messen: „Wir erkennen Menschen an dem, was sie tun und wie sie es tun.“

          Mehr muss man zu diesem Thema kaum sagen und eindrucksvoller als Clais von Mirbach dies tut, kann man es sich auch kaum vorstellen. Heute ist er so alt wie es sein Vater war, als er ermordet wurde. Ermordet, weil er im Auftrag des Staates an einer ganz bestimmten Stelle seinen Dienst versah, an einer Stelle, welche die RAF ausbaldowert hatte, um das „Schweinesystem“ zu treffen.

          „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“

          Wenn man Menschen wie Clais von Mirbach und andere Angehörige von RAF-Opfern sprechen hört, wie sie die Journalistin Anne Siemens im vergangenen Jahr für ihr Buch „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“ (siehe: Im Gespräch mit Angehörigen von Opfern der RAF) versammelt hat, wird deutlich, was in den vergangenen Jahren bei der Debatte über die RAF alles in den Hintergrund gedrängt worden ist.

          Erst langsam finden die Opfer einen angemessenen Platz, werden wenigstens benannt, als Menschen, als Personen erkannt und eben nicht als „Schießbudenfiguren“, die von ein paar obercoolen Popstarterroristen niedergemacht werden. Umso schmerzlicher erinnert man sich daran, dass im vergangenen Jahr, da der „deutsche Herbst“ 1977 allerorten Thema war, eben jener Clais von Mirbach und andere von dem ARD-Kulturmagazine „ttt“ zu einer schwülstigen Versöhnung mit den Tätern aufgefordert wurden, von deren häufig vorzeitigem Freikommen sie unter Umständen nur aus der Zeitung erfahren hatten. Das war ein perverses Stück Fernsehen, getragen von dem falschen Verständnis für die Täter, das es an diesem Abend erfreulicherweise nicht gab.

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