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Aylin Tezel im Porträt : Sie tanzt ganz gerne aus der Reihe

Aylin Tezel Bild: photoselection

Aylin Tezel kennen wir aus dem Dortmunder „Tatort“. Doch wie war das mit ihrem eigenen Film, in den sie alles investierte? Und warum bewegt sie das Thema Bildung so? Ein Treffen mit Überraschungen.

          Im neuen „Tatort“ aus Dortmund kommt Aylin Tezel in ihrer ersten Szene zu spät zur Arbeit. Untypisch für sie in der Rolle als Oberkommissarin Nora Dalay. Die Kollegen sind verärgert, Dalay, frisch verliebt, zeigt sich unbeeindruckt. Zum Gespräch im Café Fleury am Weinbergsweg in Berlin kommt Aylin Tezel ebenfalls zu spät. Nach einer Viertelstunde ruft ihre Agentin an („Aylin ist untröstlich, sie steckt massiv im Stau, ist aber in zehn Minuten da“), nach einer halben Stunde betritt die Schauspielerin selbst das Café, aufrecht, im langen Mantel, und wirkt etwas niedergeschlagen. Sie wirft ihren Mantel ab, sagt, sie komme sonst nie zu spät, das sei ihr jetzt unendlich peinlich, setzt sich, schnappt sich ein Glas Wasser und vertreibt den Ärger über sich selbst mit einer aufgeräumten Frage an ihr Gegenüber: „Was lesen Sie gerade für ein Buch?“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann der 31 Jahre alten Schauspielerin, über die ihre Kollegin Anneke Kim Sarnau („Polizeiruf 110“) kürzlich bei einer Laudatio scherzte, für ihre achtzehn Jahre habe sie schon erstaunlich viele Preise gewonnen, schwer etwas übelnehmen. Schuld daran ist wohl ihre ungewöhnlich zarte Erscheinung - sie ernährt sich, wie sie durchblicken lässt, im Grunde wie ein Kind, mag Kamillentee und Süßes, nimmt kein Koffein und keinen Alkohol zu sich, macht fünfmal in der Woche Sport. Außerdem besitzt sie die einnehmende Unfähigkeit, sich etwas nicht anmerken zu lassen. Respekt erarbeitet sie sich durch konzentrierte Energie, mit der sie ihr Publikum auch in einem kleinen Café bannt. Die zwei Frauen am Nachbartisch sind jedenfalls ganz Ohr.

          Ein tanzbares Leben

          Zwei ihrer Filmszenen blieben vor allem im Gedächtnis. Die eine aus Dortmunds vorletztem „Tatort“, in dem sich Nora Dalay einer Gruppe von Neonazis erwehren muss. Die ersten beiden tritt sie einfach um, wird dann aber zu Boden geworfen und unter schlimmsten Beleidigungen mit einem Hakenkreuz auf dem Bauch besprüht. In der nächsten Szene sieht man sie vor dem Spiegel stehen, sie versucht mit einer Bürste das Nazi-Zeichen abzuwaschen und verfällt dabei in ein Schluchzen, das zugleich Beschämung und ungebrochenen Stolz zeigt.

          Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) wird von vermummten Neonazis überfallen Bilderstrecke

          Nicht minder beeindruckend ist eine Szene aus dem Kino-Film „Am Himmel der Tag“ von 2012. Da spielt sie eine junge lebenslustige Frau, die ungewollt schwanger wird. Das Kind stirbt im Mutterleib, und als sie es in der Rolle der Lara Pielot zum letzten Mal im Arm hält, bricht ein Weinen aus ihr hervor, wie man es in dieser Intensität selten zu sehen bekommt. Ähnlich wie Sibel Kekilli, ihrer „Tatort“-Kollegin aus Kiel, ist Aylin Tezel, deren Vater aus der Türkei stammt, am Krimi-Sonntag auf Risiko abonniert. Auch im „Tatort“ war sie in ihrer Rolle schon ungewollt schwanger, zuletzt musste sie im Basejumper-Milieu ermitteln. Weit hergeholt ist Risikobereitschaft bei Aylin Tezel nicht. Ihre Ausbildung an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule hat sie abgebrochen, weil sie ihr lückenhaft erschien. 2007 begann sie die Arbeit an einem eigenen Kurzfilm, in den sie vier Jahre lang privates Geld steckte und der ihr eine Einzimmerwohnung einbrachte. In „Tanz mit ihr“ (Drehbuch, Produktion, Regie: alles Aylin Tezel), einem melancholischen Film, der inzwischen auf Arte lief, federt sie akrobatisch die Wände hoch.

          Getrieben wird Aylin Tezel von der Idee, den Tanz, den sie seit ihrem sechsten Lebensjahr betreibt, in eigenen Filmen mit dem Schauspiel zu verbinden. Schon auf der Ernst-Busch-Schule fehlte ihr letztlich eine Praxis des körperlichen Ausdrucks. An den Wochenenden führte sie daher heimlich die begonnene Ausbildung zur Tanzpädagogin fort. Und noch ein zweites Thema treibt sie, die auch schon einen Dokumentarfilm über den Tanzpädagogen Royston Maldoom gedreht hat, um: Schulbildung und wie man sie verbessern kann. Eine erstaunliche Fragestellung für jemanden, dessen eigene Schulzeit unproblematisch verlief und der keine Kinder hat. Bohrt man tiefer, landet man im Gespräch mit der Schauspielerin bei einer ganz anderen Frage: Warum gibt es eigentlich so wenige herausragende Künstler in Deutschland? Aylin Tezel hat das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, dass ihr Land sich vor lauter Routine und Sicherheitsdenken künstlerisch unter Wert verkauft.

          Ein halbherzig gelebtes Leben wäre für Aylin Tezel wohl eine Zumutung. In letzter Zeit ist sie oft in London, nimmt Sprechunterricht, Akzenttraining, und versucht für den englischsprachigen Markt interessant zu werden. Ende Oktober ist sie an der Seite von Christian Ulmen in der Mainstream-Komödie „Macho-Mann“ im Kino zu sehen.

          Das Buch übrigens, das sie selbst im Augenblick liest und das sie jedem nur empfehlen kann, heißt „Any Hungry Heart“ von William Boyd, ein fiktives Tagebuch, das eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten umfasst. So wie die Hauptfigur in dem Roman würde sie eines Tages auch gerne auf ihr Leben zurückblicken, sagt sie. Und tanzbar sollte es dann wohl auch sein.

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