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Mittelkürzung bei Qantara : Brücke zum Islam einsturzgefährdet

Internetportal mit Potential: die Webseite Qantara.de. Bild: Qantara/Screenshot FAZ

Die arabischen Autokraten würden es der Bundesregierung danken: Was die Schließung des Portals Qantara.de für arabische Intellektuelle bedeuten würde.

          3 Min.

          Mit diesem Schritt würde das Auswärtige Amt den Autokraten in der arabischen und islamischen Welt einen Gefallen erweisen: Es will der Onlineplattform Qantara.de 380.000 Euro streichen. Das würde ihr Ende bedeuten. In Deutschland traf die Ankündigung unter Akademikern, Kulturschaffenden und Journalisten, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen, auf Unverständnis. Sie führte zu Protesten und offenen Briefen. Qantara sei als Brücke zur arabischen und islamischen Welt „unverzichtbar“, heißt es.

          Plattform für freie Diskussion

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Die Brückenfunktion ist nur ein Aspekt der Onlineplattform Qantara, auf der 120.000 Artikel von mehr als 300 Autoren aus vierzig Ländern in den Sprachen Deutsch, Englisch und Arabisch kostenfrei abgerufen werden können. Für arabische und islamische Intellektuelle und Kulturschaffende, die sich demokratischen Werten und den Menschenrechten verpflichtet fühlen, ist mindestens ebenso wichtig, dass sie mit Qantara eine Plattform für eine freie Diskussion haben, wie es sie in der islamischen Welt kein zweites Mal gibt.

          So sagte die marokkanische Feministin Asma Lamrabet, die sich einen Namen als Autorin für Frauenrechte im Islam gemacht hat, der F.A.Z., Qantara sei „ein wichtiges Forum für plural und kontrovers geführte Debatten und für intellektuelle Dialoge über gemeinsame Werte, die über Kulturgrenzen hinweg geführt werden“. Intellektuelle und Kulturschaffende seien auf Plattformen wie Qantara angewiesen, da sie „öffentliche Diskurse ermöglichen und Diskussionen bereichern, indem sie ein breites Spek­trum an Meinungen und Sichtweisen abbilden“.

          Gegengewicht zum Extremismus

          Qantara.de war 2003 als eine Antwort der Bundesregierung auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 gegründet worden. Die Plattform sollte als ein Instrument der auswärtigen Kulturpolitik zum einen ein Gegengewicht zu den Diskursen der Extremisten und des Hasses bilden, zum anderen aber auch ein Gegengewicht zur Propaganda der autokratischen Regime und den von ihnen verbreiteten Verschwörungstheorien.

          Auf Qantara schreiben Autoren, von denen viele in ihrer Heimat sonst keine Möglichkeit haben zu publizieren. Sie wenden sich an ein Publikum, das über Qantara Einblick in Debatten bekommt, die außerhalb ihrer Länder geführt werden. So schreibt Hazem Saghieh, einer der führenden arabischen Intellektuellen: „Qantara.de transferiert deutsche und europäische Sichtweisen zu aktuellen Themen in die arabisch-islamische Welt, und gleichzeitig ermöglicht sie Einblicke in die vielfältigen und aktuellen Debatten in den islamisch geprägten Gesellschaften.“ Die Plattform bringe einen „beträchtlichen Mehrwert für Verständigung“, so der bekannteste Redakteur der vor zwei Jahren eingestellten panarabischen Tageszeitung „al-Hayat“.

          Fakten zum Holocaust

          Autoren wie Saghieh können auf Qantara Kritik an den autoritären Regimen ihrer Region üben, über Qantara gelangen in die Länder des Nahen Ostens zudem Ideen, die dort sonst kaum zur Geltung kommen. Während der gängige politische Diskurs nur das Lob der Herrscher kennt, erfahren die arabischen Leser auf Qantara, dass in westlichen Ländern versucht wird, Konflikte demokratisch zu lösen, und dass man Kontroversen auch aushalten kann. Ferner erfahren sie die Fakten zum Holocaust und wie Deutschland mit Erinnerungskultur umgeht. „Sie erhalten Einblick in die europäische Debattenkultur“, sagt Loay Mudhoon, der Redaktionsleiter von Qantara.de bei der Deutschen Welle. Offenbar ist das letzte Wort über eine Schließung des Portals noch nicht gefallen. Man befinde sich im Austausch mit dem Auswärtigen Amt, teilte die Deutsche Welle auf Anfrage mit.

          Einer der Autoren von Qantara ist der renommierte Nahostwissenschaftler Ahmet T. Kuru von der Universität San Diego. Er schreibt, bei Qantara würden seine Essays von einem wirklich globalen Publikum gelesen. Kuru vergleicht in seinen Forschungen westliche und muslimische Gesellschaften. Er habe in zwei Jahrzehnten von Qantara als einer zuverlässigen und objektiven Quelle profitiert.

          Mit ihren akademisch fundierten und öffentlich zugänglichen Analysen spiele Qantara eine historische Rolle als Brücke zwischen westlichen und muslimischen Gesellschaften. Gerade eine Plattform wie Qantara trage in einer Zeit mit globalen Herausforderungen, die von populistischen Autokraten, Kriegen und Terrorismus geprägt sei, zur interkulturellen Verständigung bei.

          Auch wenn Qantara sicher kein Massenmedium ist: Die Plattform erreicht eine intellektuelle Elite und ihre Multiplikatoren. Den Newsletter haben etwa 22.000 Leser abonniert, am Tag werden 17.000 Zugriffe registriert, und auf Facebook folgen Qantara etwa eine Million Nutzer. Das sind jene, die demokratische Werte teilen und denen nun eine wichtige Plattform entzogen zu werden droht. Die arabischen Autokraten würden es der Bundesregierung danken.

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