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Ausstellung „Paparazzi!“ in Frankfurt : Blitz dich doch selbst

Ein stilles Defilee entlang der bösen und verruchten Erfahrungen mit der visuellen Kopfgeldjägerei: Die Ausstellung „Paparazzi!“ in Frankfurt entblößt den Starkult und knipst das Publikum.

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          Unter einem Cowboyhut mit besonders breiter Krempe soll der saudische Terrorprominente Usama Bin Ladin durch seinen versteckten Garten im pakistanischen Abbottabad spaziert sein, damit ihn keine Drohne knipst. Das geheimdienstliche Roboter-Hutfoto als Extremfall zudringlicher Neugier kommt in der Ausstellung „Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler“ unter mehr als fünfhundert Exponaten nicht vor. Wer aber einige der dort versammelten entblößenden visuellen Übergriffe betrachtet oder eine ebenda ausgehängte Boulevardschlagzeile liest, die sich zähnebleckend darüber freut, dass Prinzessin Diana versucht hat, sich selbst zu töten, wozu ein Schnappschuss der untröstlich weinenden Berühmtheit präsentiert wird, mag Drohnen im Zweifelsfall für humanere Bildjäger halten als die mit Aufmerksamkeitskarten pokernde Medienmeute.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schau in der Frankfurter Schirn Kunsthalle will nicht den Kunstbegriff erweitern. Die Gosse, in deren Pfützen sich die Regenbogenpresse spiegelt, hält sie nicht für einen Spielplatz reizvoller Kontraste, auf dem sich etwa akademisch ermüdete künstlerische Kriterien erneuern ließen. Stattdessen erinnert sie in wohlüberlegter Dreigliederung - Fotografen, Stars, Künstler - daran, dass es inzwischen visuelle Börsen gibt, auf denen ganz andere Unterscheidungen und Vergleiche die Preise bestimmen als ästhetische. Was davon dann die Kunst erreicht, ist das Pfeifen sozialer Rückkopplungen - mal kriegt sie, zeigt diese Ausstellung, davon Kopfweh, mal kann sie dazu tanzen.

          Pathos, Sozialkunde und Sinnenkitzel

          Im ersten Drittel der Ausstellung findet zunächst eine Bestandsaufnahme statt: Es wird gelauert, es wird gehetzt, es ereignen sich Triumphe - das unautorisierte Fotografieren und Filmen von Berühmtheiten als barbarischer Rummel und von erotischem Zinnober überformter Extremsport für die Knipser wie ihre Beute.

          Im zweiten Drittel verwandelt sich der Weg durch die Räume in ein stilles Defilee entlang der bösen, lustigen oder verruchten Erfahrungen einiger Stars mit der visuellen Kopfgeldjägerei - die Schönen, Reichen, Begabten entziehen sich, bieten sich dar, werden pampig, geben auf, dann geht alles wieder von vorne los (es sei denn, jemand bleibt auf der Strecke, nach dem bürgerlichen oder tatsächlichen Tod. Das kommt vor).

          Im abschließenden Drittel darf begutachtet werden, was der Kunst zu alledem eingefallen ist, nämlich Satire, Pathos, Sozialkunde, Tapetenmuster und Sinnenkitzel. Am meisten Kunstverstand steckt bei „Paparazzi!“ allerdings nicht in den Werken dieses Schussparcours. Das heißt nicht, dass diese Werke schwach wären - Alison Jacksons ausgedachte Peinlichkeiten rund um Marilyn Monroe, George W. Bush oder die Queen (der wir aufs Örtchen folgen müssen, wo sie bunte Blätter liest, too much information, indeed) brennen das Gemüt des medienversauten Betrachters tatsächlich frei wie eine Tasse heißer Ingwer verschleimte Atemwege, und Thomas Demands papierbrüchige Erinnerungsparaphrasen bestäuben die Schaulust mit wünschenswert trockenem Ernüchterungspulver.

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