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„Spuren der Rache“ im Ersten : Rentner außer Rand und Band

  • -Aktualisiert am

Yasmin (Maya Lauterbach) mit dem kaltblütigen Rächer Frank Henning (Heiner Lauterbach) Bild: ARD Degeto/Luis Koppelkamm

Heiner Lauterbach nimmt es mit dem wahrhaft Bösen auf und findet dabei das Gute: Ein Hauch von „Homeland“ weht durch diesen rasanten Thriller. Das ist außergewöhnlich für einen deutschen Fernsehfilm.

          Ohne Berührungsängste stürzt sich „Spuren der Rache“ auf das Geflecht von transnationalen Mafiaorganisationen, islamistischen Terrorbanden, Waffenhändlern und Geheimdiensten. Der ARD-Zweiteiler macht viel richtig: Er spielt an glaubhaften Schauplätzen, wagt lange dialogfreie Sequenzen, setzt Untertitel ein, wo Arabisch oder Französisch gesprochen wird (auch wenn alle Hauptfiguren zufällig perfektes Deutsch beherrschen). Sogar schmutzig darf es zugehen, der Held etwa muss unschön schwitzen. Die dynamische Kamera von Daniel Koppelkamm, die sich entschlossen durch verwinkelte Räume bewegt oder selbstbewusst auf das Mienenspiel der Protagonisten konzentriert, verstärkt den Eindruck einer Ästhetik, wie man sie aus internationalen Serien kennt.

          Die Brutalität des dargestellten Milieus wird nicht geschönt, im Gegenteil: Bald schon zählen die Leichen nach Dutzenden. Außerdem fand Regisseur Nikolai Müllerschön offenbar Gefallen an expliziten Gewaltdarstellungen. Das geht mitunter ziemlich weit. Und wenn dabei ein Mädchen betroffen ist, muss man das nicht noch in Zeitlupe sehen. Gelungen sind allerdings die überraschenden Wendungen des Geschehens. Und Heiner Lauterbach macht seine Sache als kaltblütiger Rächer ziemlich gut. Man sieht ihm den eigenen Schmerz an, aber er handelt überlegt und kühl.

          Höchst unglaubwürdig und überflüssig

          Doch es gibt eine ganze Reihe dramaturgischer Probleme, zu viele selbst für ein auf Spannung und satte Emotionen setzendes Genre-Stück mit einem knalldummem Titel. Vielleicht hat Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt das selbst bemerkt und reüssiert deshalb unter dem Pseudonym Klaus Burck.

          Schon die Figur des Helden, der bei einem Mordanschlag auf einen Politiker seine Familie verliert und fortan einzig für die Rache lebt (bevor sich im Laufe des Films ein neuer Lebenssinn auftut), ist nachlässig konstruiert. Frank Hennings soll ein Verwaltungsbeamter im Vorruhestand sein, Polizist zwar, aber nur den Schreibtischdienst gewohnt. Kaum beginnt er seine Jagd auf die Hintermänner des Anschlags, wirkt er jedoch wie der ausgebuffteste Geheimagent, der alle Tricks und Sprachen beherrscht. Zunächst stellt er fest, dass der Auftraggeber für den Mord längst bekannt ist: der arg stereotyp geratene Edelmafiosi Sharif Nader (Michele Cuciuffo), der sich in Tanger von einer Privatarmee bewachen lässt. Zufällig sucht Nader einen neuen Hauslehrer für seine geliebte Tochter Yasmin. Hennings bewirbt sich mit gefälschten Zeugnissen, wird prompt genommen und ist tatsächlich in der Lage, Musik zu unterrichten, ohne aufzufallen. Das alles ist nicht nur höchst unglaubwürdig, sondern auch überflüssig, weil aus dem Verwaltungsbeamtencharakter gar nichts folgt: keine besonderen Hemmnisse, kein besonderer Vorteil.

          Eine Alternative zur Vergeltungstat scheint es für Hennings nicht zu geben. Während er den Anschlag auf Nader vorbereitet - die Überwacher müssen ausgetrickst werden -, setzen sich jedoch größere Räder in Bewegung. Nicht nur zwei Kollegen aus dem Bundeskriminalamt (Uwe Preuss, Julia Thurnau) sind bald in das Geschehen involviert, auch dunkle Mächte mit Verbindungen bis hin zum „Islamischen Staat“. Hennings, der sein eigenes Überleben nicht eingeplant hatte, befindet sich plötzlich mit der Tochter seines Feindes und einem geheimnisvollen Notizbuch auf der Flucht. Verfolgt von skrupellosen Mördern, durchqueren sie Spanien, wobei es vermutlich eine gute Idee ist, sich auch diesem exzentrischen Knilch vom Bundesnachrichtendienst (Uwe Bohm) nicht blind anzuvertrauen.

          Ertrinken im Pathos des Ethos

          Heiner Lauterbachs Tochter Maya spielt die Rolle der Yasmin passabel, aber das kann nichts daran ändern, dass es eine abgegriffene Rolle ist. Natürlich brechen seelische Konflikte auf, sobald das Mädchen bemerkt, wer sein Beschützer wirklich ist. Und natürlich wachsen die beiden einander doch ans Herz. Die - freundlich gesagt - unterkomplexen Dialoge über Schuld, Rache und die Macht der Vergebung sind mitunter ein Ärgernis. Mit dieser sentimentalen Vater-Ersatztochter-Geschichte die wuchtige, auf weltweit operierende Terrornetzwerke abstellende Thriller-Handlung ausbalancieren zu wollen wirkt so aufgesetzt wie verstiegen und schwächt den Film entschieden. Der deutsche Fernsehfilm will immer auch moralische Anstalt sein, will nutzen und erfreuen, sieht das Emotionale als Hebel - und ertrinkt regelmäßig im Pathos des Ethos.

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          Regelrecht albern aber wird es, wenn ein eben noch eiskalter Killer beim Blick in die Mündung einer Waffe plötzlich redselig mit seinen Taten prahlt oder wenn gute wie böse Protagonisten dasselbe Lieblingsgedicht haben: Rilkes „Panther“, dem auch noch - eine narrative Bauchlandung - eine Schlüsselrolle zukommt beim Überwinden der schließlich doch auf Degeto-Format zurückgestutzten Schurken. So etwas wäre in „Homeland“ kaum passiert. Der Zweiteiler von Nikolai Müllerschön ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber er wirkt letztlich selbst wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.

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